„Cool“ von Victor Pelevin, Zusammenfassung
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„Cool“ erschien 2024; es ist Viktor Pelevins 21. Roman, eine direkte Fortsetzung von „Die Reise nach Eleusis“ und ein neuer Band der Transhumanism Inc.-Reihe. Die Handlung spielt im dritten Jahrhundert des Grünen Zeitalters, und im Zentrum steht erneut der ehemalige Agent Markus Sorgenfrei, der nach seiner letzten Mission wieder in den aktiven Dienst versetzt, in eine höhere Position befördert und mit einer neuen Aufgabe betraut wurde. Diesmal geht es nicht um eine antike Simulation, sondern um eine Bedrohung für die gesamte Welt.
Beginn der Ermittlungen
Der Roman beginnt mit dem Tod Kaiser Porphyrios’ in der Kurie des Senats – ein Echo von Marcus’ vorheriger Mission. Im vorherigen Band war er mit Porphyrios’ Figur verbunden und durchläuft nach seinem Ausscheiden aus dieser Rolle eine schwierige Rehabilitation. Admiral-Bischof Lomas, sein Mentor und Kurator, hilft ihm aus diesem Zustand und enthüllt ihm anschließend das Wesen seiner neuen Mission: Ein uraltes Übel namens Achilles versucht, in die Welt zurückzukehren.
Laut der Romanfassung, die durch religiöse und pseudohistorische Konstrukte geprägt ist, verschwand die satanische Macht nach Christi Höllenfahrt nicht gänzlich, sondern suchte weiterhin nach einem Wirt in der irdischen Geschichte. Achilles war einst einer dieser Wirte, und nun sucht dieser Geist erneut nach einem Weg zur Inkarnation. Sollte es ihm gelingen, in der menschlichen Welt Fuß zu fassen, droht der Erde die Rückkehr in eine prähistorische Ordnung, in der die Monster des Mesozoikums erneut herrschen werden.
Marcus erfährt außerdem eine weitere Bedingung: Achilles kann seinen Plan nicht allein vollenden; er braucht einen irdischen Verbündeten, einen großen Krieger, der seine Macht annimmt und zum Werkzeug der Apokalypse wird. Die Suche nach dieser Person führt nicht zu den höchsten Taern oder den Elitegruppen des Konzerns, sondern nach Nordsibirien, zur Windkolonie Nr. 72, benannt nach Kai und Gerda, die bereits aus Pelevins neuesten Büchern bekannt sind.
Wind Colony und Kuker
Die Windkolonie ist als groteskes Gefängnis der Zukunft konzipiert, in dem Gefangene in die Pedale treten und durch ihre Arbeit an der „Windgenese“ teilnehmen, also buchstäblich das globale atmosphärische System aufrechterhalten. Daher rührt auch der Titel: „Kühl“ im Roman steht sowohl für die Ideologie des Wohlwollenden Staates, den Kreislauf von Gewalt und Unterdrückung als auch für den gefängnisindustriellen Mechanismus, der diese Ordnung aufrechterhält.
Die traditionelle Hierarchie des Gefängnisses ist umgekehrt: An der Spitze stehen die „Hähne“, neben ihnen ein feindseliges Lager von „Hühnern“ – feminisierten Gefangenen, für die Angriffe auf Männer zur Gewohnheit und zur Doktrin geworden sind. Anführer der Hähne ist Kuker, ein Kriegsdienstverweigerer und Autoritätsperson, eine Figur, die zugleich komisch, unheimlich und brandgefährlich ist.
Es ist Kuker, der schnell im Zentrum des Geschehens steht. Einerseits behält er die Kontrolle über die gesamte örtliche Ordnung und wehrt Angriffe seiner Gegner ab, allen voran Daria Troedirkina, die Anführerin der Hühner. Andererseits kommt die Untersuchung zu dem Schluss, dass er der Wirt von Achilles sein könnte, was bedeutet, dass er getötet werden muss, bevor der uralte Geist seine volle Macht erlangt.
Hauptmann Serdjukow, Leiter der Umerziehungsabteilung des Gefängnisses, steht ebenfalls in Verbindung mit Kuker – einem Wissenschaftler, Gendarm und Psychiater der Zukunft in einer Person. Er sucht nach einem Heilmittel für das „Piking“ – den schmerzhaften Impuls, der die Hühner im Gefängnis dazu bringt, Männer zu töten – und schickt Kuker im Rahmen eines Experiments in ein künstliches Mesozoikum, wo dieser den Körper eines Dinosauriers erhält. Auch Marcus betritt diese virtuelle Welt, denn nur so lässt sich die tiefe Verbundenheit zwischen Kuker und Achilles verstehen.
In der mesozoischen Geschichte begegnet Kuker Achilles beinahe ohne dessen Verkleidung. Der uralte Geist verführt ihn mit dem Gedanken an Außergewöhnlichkeit, pflanzt ihm die Idee der Kriegertauglichkeit ein und verwandelt den Gefängnisherrn allmählich in einen Anwärter auf den letzten Träger höllischer Macht. Ihre Gespräche in Dinosauriergestalt enthüllen, dass Kuker nicht nur von Machtgier getrieben ist, sondern von einer fast mystischen Bereitschaft, zum Helden einer globalen Katastrophe zu werden.
Varvara Zugunder und die verborgene Geschichte
Irgendwann weitet sich die Untersuchung auf das Gefängnis aus und mündet in die Suche nach einer Person, die lange Zeit fast schon als Mythos galt: Varvara Tsugunder. Der Legende nach wurde sie zur spirituellen Mentorin der inhaftierten Frauen, prägte ihren Ehrenkodex und wurde zum Symbol des rachsüchtigen feministischen Untergrunds der Zukunft.
Das Paradoxe ist, dass Kuker selbst, nachdem er bereits eine Beziehung mit Achilles eingegangen ist, Varvara Zugunder als die Einzige bezeichnet, die ihn besiegen kann. Die höheren Mächte nehmen diese Antwort ernst, und von diesem Moment an ist die Suche nach Varvara genauso wichtig wie die Beobachtung Kukers selbst.
Hier schlägt der Roman einen weiteren wichtigen Handlungsstrang an – die Geschichte des Schriftstellers Sharaban-Mukhlyuev aus dem Karbon und der Literaturwissenschaftlerin mit dem Spitznamen „Ryba“. Anhand verbotener Texte, Tagebücher, Äußerungen anderer und Spuren einer alten Liebesbeziehung deckt Marcus ein Geheimnis auf, das die offizielle Kultur der Zukunft sorgsam verbarg. Diese Ebene erklärt, wie die Figur der Warwara Zugunder entstand und warum sich um sie ein beinahe religiöser Kult entwickelte.
Die Verbindung zwischen Ryba und Varvara verliert allmählich ihre Vermutung und entwickelt sich zu einer konkreten Hypothese. Sie ist keine abstrakte Legende mehr, sondern eine konkrete Biografie, verborgen unter mehreren Schichten literarischer Spielereien, Gefängnisfolklore und ideologischer Substitution. Pelevin verknüpft hier zwei Erzählstränge – eine Satire auf das kulturelle Milieu und einen Detektivroman, in dem eine alte Romanze, fremde Notizen und eine vergessene Liebesgeschichte zu greifbaren Beweisen in einem Fall um das Ende der Welt werden.
Gleichzeitig zeigt der Roman, wie große Ideen in dieser Welt aus kulturellen Überresten, Gefängnislegenden und neuronalen Umdeutungen der Vergangenheit entstehen. Varvaras Suche führt daher über Archive, Codes, Sekundärtexte und digitale Spekulationen statt über direkte Beweise. Dies ist besonders schwierig für Marcus, da sich sein Gedächtnis immer wieder als Instrument des Konzerns und nicht als seine persönliche Stütze erweist.
Auflösung
Nach Abschluss der Vorbereitungen versammeln sich mehrere Kräfte um Kuker: Achilles selbst, die Gefängnisleitung, der Konzern, Marcus und das Lager der eingesperrten Hühner. Die Lösung beruht nicht auf einer offenen Schlacht, sondern auf einer präzise kalkulierten Kette psychologischer und kausaler Einflüsse, wobei Marcus als Bindeglied fungiert und Varvaras alte Geschichte praktische Bedeutung erlangt.
Im Finale entfaltet sich die Handlung, in der Kuker auf die Macht trifft, die er einst als seine einzige Bedrohung ansah. Daria Troedirkina und die weibliche Gefangene der Welt sind nicht länger nur Kulisse für die Heldentat eines anderen: Durch sie wird der Angriff auf Kuker erst möglich. Eine Kette von Zufällen, Hinweisen, Aussagen anderer und alten Verletzungen führt dazu, dass der Hahn fällt, Achilles den Halt verliert und der Plan, ins Mesozoikum zurückzukehren, im letzten Moment scheitert.
Die Welt ist erneut gerettet, doch die Rettung bringt Marcus weder Klarheit noch Frieden. Wie zuvor bleibt er Agent, bezahlt für seine Mission mit einer Verlängerung seines Lebens und dem Recht, weiterhin in der Bank zu wohnen. Danach wird ihm die Erinnerung an das Wichtigste genommen. Die letzten Seiten lassen ihn in einer für diese Reihe typischen Lage zurück: Er hat seine Aufgabe erfüllt, mehr gesehen, als er hätte sehen sollen, und weiß, dass sein Leben bald wieder ausgelöscht wird.
Das Buch spannt den Bogen von imperialen Mysterien zu Gefängnissatire, von Dinosauriern und Höllengeistern zur persönlichen Geschichte eines Schriftstellers und Kritikers sowie der fiktiven, dann beinahe realen Varvara Zugunder. Genau diese Verknüpfung hält die Handlung zusammen: Die Apokalypse hängt hier nicht von einer gewaltigen Armee oder Technologie ab, sondern davon, wie der Text der Vergangenheit, die Leidenschaft eines anderen, die Lagerhierarchie und ein gezielt herbeigeführter Tod in einem einzigen Moment zusammenlaufen.
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