Eine Zusammenfassung von „Die Kunst der leichten Berührung“ von Victor Pelevin
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Die 2019 erschienene Sammlung umfasst drei Werke – zwei Novellen und eine Kurzgeschichte. Sie alle basieren auf einem gemeinsamen Thema: der unsichtbaren Kontrolle von Menschen und Gesellschaften durch Symbole, Rituale und Informationsbeeinflussung. Das Buch ist in Pelevins unverkennbarem Stil verfasst – ironischerweise mit Anspielungen auf Verschwörungstheorien, Mythologie und aktuelle Politik.
Im Jahr 2020 wurde das Buch für den ABS-Preis in der Kategorie Belletristik nominiert.
Teil Eins: Saturn ist kaum sichtbar
Hyazinthe
Vier Freunde aus Moskau brechen zu einer Bergwanderung im Nordkaukasus auf. Timofey ist ein Fernsehkommentator mit einem charmanten Funkeln in den Augen und Stammgast bei politischen Debatten. Andron ist Bankmakler und verbirgt hinter seinem hippen „Big Lebowski“-Image den unnachgiebigen Willen eines Händlers. Ivan arbeitet als Vermesser für eine Firma, die Kunststofffenster einbaut. Valentin, ruhig und aufmerksam, bildet das Schlusslicht der Gruppe.
In dem Bergdorf engagieren sie einen Führer, Akinfiy Ivanovich: ein älterer Mann mit langem, grauem Haar, jugendlichem Gesicht und funkelnden dunklen Augen. Sein Alter lässt sich nicht schätzen – er könnte vierzig oder sechzig sein. Er lebt in einem kleinen Schuppen, den er sein „Büro“ nennt.
Schon am ersten Abend am Lagerfeuer erzählt Akinfiy Ivanovich den Touristen seine Lebensgeschichte – seltsam, lang und zunehmend unheimlich. In seiner Jugend arbeitete er als Hellseher und handelte in den 1990er-Jahren, der Blütezeit der Telehypnotiseure, mit energetisiertem Wasser und Biofeldern. Seine medizinische Ausbildung half ihm, „Nudeln zu verpacken“. Doch eines Tages führte ihn das Schicksal mit einem gewissen Zhores zusammen – einem Mann, der ihm etwas viel Tiefgründigeres offenbarte.
Zhores führte Akinfiy zu einem Berg am Fuße des Kaukasus, wo zwei riesige Hörner in den Fels gehauen waren – uralte Überreste des Baal-Kults, eines punischen Gottes, dem in Karthago Opfer dargebracht wurden. Zhores erklärte, der Kult sei nicht verschwunden, sondern habe lediglich seine Form verändert. Akinfiy Ivanovich entdeckte nach und nach eine Theorie über „Grenzgeister“ – Wesen, deren Zeithorizont unvergleichlich länger ist als der der Menschen, aber dennoch nicht unendlich. Genau diese Geister werden zu Göttern, weil sie fähig sind, mit den Menschen in einen bedeutungsvollen Dialog zu treten.
Philosophische Gespräche am Lagerfeuer wechseln sich ab mit Bergwanderungen, der Ironie der Touristen und dem wachsenden Gefühl, dass der Führer die Gruppe auf mehr als nur einen Pfad führt. Die jungen Leute hören Akinfiy mit Ironie zu, doch allmählich wird die Atmosphäre der Wanderung beunruhigend. Akinfiy Ivanovich führt sie zu einer alten Stätte, die mit dem Baal-Kult in Verbindung steht, und die Geschichte endet – das weitere Schicksal der vier Freunde bleibt ungewiss.
Die Kunst der leichten Berührungen
Die zweite Novelle ist als Nacherzählung der umfangreichen, zweibändigen Dokumentation des bekannten Verschwörungstheoretikers Konstantin Paramonowitsch Golgofsky angelegt. Der Leser erhält nicht den Roman selbst, sondern dessen „VIP-Fassung“ – ein ironisches Konstrukt, mit dem Pelevin das Verschwörungsgenre zugleich kritisiert und auf subtile Weise ausnutzt.
Golgofsky, der Autor eines monumentalen Werkes über die russische Freimaurerei, lebt in einer Datscha nahe Moskau, direkt neben dem pensionierten GRU-General Isjumin. Der General steht unter inoffiziellem Hausarrest: Ständig parkt ein Land Cruiser in der Nähe seiner Datscha, kräftige Männer spazieren vorbei, und Drohnen kreisen über dem Gelände. Golgofsky beobachtet seinen Nachbarn von seinem Schlafzimmerfenster aus und lädt ihn zum Grillen ein, doch dieser lehnt stets ab und verweist auf seine vegetarische Ernährung.
Eines Tages bemerkt Golgofsky, dass Izyumin schon viel zu lange im Pavillon sitzt. Eine zerbrochene Tasse liegt auf dem Boden, und sein grauer, sockenbewehrter Fuß zuckt unruhig. Golgofsky klettert über den Zaun. Der General ist grün im Gesicht, geschwollen, gelähmt, der Boden ist mit Erbrochenem bedeckt – aber er ist bei Bewusstsein. Bevor er ihn verliert, formt Izyumin mit den Händen eine Schale und schlägt mit den Fingern wie mit Flügeln. Er hat keine Zeit mehr, etwas zu sagen.
Ein Krankenwagen trifft ein. Am nächsten Tag durchsuchen Zivilbeamte die Datscha und tragen Computer und Kisten mit Papieren weg. Izyumins Tochter Irina kommt aus Holland: Ihr Vater lebt, liegt aber im Koma, vergiftet durch eine seltene chemische Verbindung auf Basis von Arsen und Thallium – eine „GRU-Signatur“. Irina reist voller Angst ab und hinterlässt Golgofsky die Schlüssel zur Datscha mit der Bitte, den Bonsai zu gießen.
In Izyumins Büro entdeckt Golgofsky Schwarz-Weiß-Fotografien von steinernen Monstern – Chimären und Wasserspeiern von den Dächern europäischer Kathedralen, vor allem Notre-Dame de Paris – an den Wänden. Dies wird zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung. Golgofsky studiert mittelalterliche Abhandlungen, Archivdokumente und die Werke des Marquis de Custine und stellt die Hypothese auf, dass Wasserspeier nicht bloß ein dekoratives Element gotischer Architektur sind, sondern verschlüsselte Botschaften, die mit alten rituellen Praktiken der kollektiven Bewusstseinskontrolle in Verbindung stehen.
Die Recherchen des Historikers führen ihn zum Thema der „leichten Berührungen“ – unsichtbarer Informationsbeeinflussung, die das Verhalten von Massen verändern kann. Golgofsky kommt zu dem Schluss, dass solche Technologien seit der Antike existieren und von Geheimbünden genutzt werden, um historische Prozesse zu manipulieren. Im modernen Kontext manifestieren sich diese Praktiken in der Informationskriegsführung: der Brand von Notre Dame, die US-Präsidentschaftswahlen, „russische Hacker“, die „Gelbwesten“-Bewegung – all dies sind laut Golgofsky Glieder derselben Kette.
Der Historiker kommt zu dem Schluss, dass der Dritte Weltkrieg bereits stattgefunden hat – still und leise, durch die Geheimdienste, die sich „schreckliche Schläge“ lieferten, die niemand bemerkte. Es gibt keine Sieger. Das Ende der Geschichte ist in der Ich-Perspektive geschrieben – ein Monolog Golgofskys selbst, der im Moskauer Stadtteil Sanduny sitzt und auf die „GRU-Attentäter“ wartet, deren Briefkästen seit drei Tagen mit Werbung für Sportnahrung überflutet sind.
Zweiter Teil: Der Kampf nach dem Sieg
Stolypin
Die Geschichte spielt in einem Gefangenentransportwagen – einem sogenannten „Stolypin“ – und führt den Leser zurück zu den Figuren aus dem Roman „Geheime Ansichten des Berges Fuji“. Der Waggon schaukelt sanft auf den Schienen und transportiert die Gefangenen zu ihren Haftorten. Unter ihnen befindet sich Fjodor Semjonowitsch, einer der wohlhabenden Geschäftsleute aus dem vorherigen Roman, der verhaftet wurde.
Im Abteil entwickeln sich lange, gemächliche Gespräche – über das Leben, Geld, Gerechtigkeit und die Struktur der Gesellschaft. Fjodor Semjonowitschs Abteilnachbar, ein erfahrener Häftling, philosophiert über das Wesen von Reichtum und Armut und darüber, wie „Aufklärung und Wohlstand nur im Schneckentempo nach unten sickern“. Als Beispiel verweist er auf das Badehaus, das direkt im Zugwaggon eingerichtet wurde – komplett mit Sägespänen, Limonade und regelmäßigen Elektroschocks: „Die Leute können sich jetzt auf der Straße waschen – wenn die Wachen es natürlich erlauben. Genau darum geht es bei einer gesellschaftlichen Partnerschaft.“
Fjodor Semjonowitsch nickt und spricht die letzten Worte der gesamten Sammlung: „Das stimmt. Aber wie verdammt langsam. Wie viel noch zu tun ist. Und wie kurz das Leben ist …“
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