Eine Zusammenfassung von „Der Geograph trank seinen Globus weg“ von Alexey Ivanov
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„Der Geograph trank seinen Globus weg“ ist ein Roman von Alexei Ivanov aus dem Jahr 1995. Angesiedelt in Perm in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre, dreht sich die Handlung um das Zusammenspiel von Viktor Sluzhkins Privatleben, seiner schulischen Laufbahn und einer Flussfahrt mit seinen Schülern. Der Roman erzählt die Geschichte des stillen, fast alltäglichen Niedergangs eines Mannes, der sein eigenes Leben nicht in den Griff bekommt und dennoch ständig mit dem Schmerz und den Hoffnungen anderer sowie seiner eigenen Verantwortung für sie konfrontiert wird.
Im Jahr 2013 wurde der Roman von Alexander Veledinsky für die Leinwand adaptiert, und der Film gewann den Grand Prix beim Kinotavr-Festival sowie drei Golden Eagle Awards für die beste Regie, die beste männliche und die beste weibliche Hauptrolle.
Heimat und Armut
Zu Beginn des Romans kehrt Sluzhkin ohne Fahrkarte mit dem Pendlerzug nach Perm zurück. Er wird sofort als ein mitgenommener, ironischer und innerlich gebrochener Mann dargestellt. Von Beruf Biologe, nimmt er aus Not eine Stelle als Geografielehrer an, da er keine andere Arbeit findet. Seine Frau Nadja und seine kleine Tochter Tata warten zu Hause auf ihn. Die Familie lebt in Armut und beengten Verhältnissen, und der Alltag zehrt an allen, besonders an Nadja, die die Trunksucht, die Unpraktikabilität und die Unfähigkeit ihres Mannes, Ordnung zu schaffen, längst satt hat.
Nadja sagt Viktor unmissverständlich, dass ihre frühere Ehe nicht mehr existiert, und dieses Gespräch fühlt sich nicht wie eine flüchtige Affäre an – es ist fast eine formelle Trennung, nur ohne offizielles Ende. In ihrer Wohnung bleibt die gemeinsame Verantwortung für Tatas Erziehung bestehen, und es ist das Kind, das den Zusammenhalt bewahrt. Im Roman erinnert Tata ihren Vater immer wieder an eine einfache, bodenständige Zuneigung: In der Gegenwart seiner Tochter gibt er sich weniger albern und versteckt sich fast gar nicht mehr hinter seiner Prahlerei.
Fast unmittelbar danach taucht Budkin, sein alter Schulfreund, wieder in Sluzhkins Leben auf – inzwischen wohlhabend, selbstbewusst und den neuen Zeiten viel besser angepasst. Budkin wohnt nebenan, findet problemlos Zugang zu Sluzhkins Haus, wird schnell Teil der Familie und bald ist er der Mensch, bei dem Nadja den Frieden und die Geborgenheit findet, nach denen sie sich so lange gesehnt hat. Für Viktor ist diese Geschichte besonders ergreifend, weil Budkin mit seiner Jugend, mit gemeinsamen Erinnerungen und einer früheren Freundschaft verbunden ist. Der Familienstreit erweist sich somit als häusliches Drama und zugleich als Niederlage in einer alten Männerrivalität.
Schule und Vergangenheit
In der Schule wird Sluzhkin der neunten Klasse zugeteilt, und von Anfang an begegnet er den Schülern mit einer Mischung aus Müdigkeit, Spott und regem Interesse. Er teilt sie sogar intern in Kategorien ein – „Rote Professoren“, „Väter“, „Sonderkommando“ – , als ob es ihm leichter fiele, mit Typen und Rollen als mit Kindern umzugehen. Gradusovs Klasse erweist sich als besonders schwierig: Dieser Schüler testet den neuen Geographen schnell auf Schwäche, Unhöflichkeit und Ängstlichkeit, während Sluzhkin selbst nicht mit seinem pädagogischen System, sondern mit Nervenstärke, Mut und bisweilen einer fast schon derben Direktheit begegnet.
Als Lehrer ist Victor seltsam und unzuverlässig. Er verliert den Kontakt zu den Schülern, verfällt in Albernheiten, macht aus einer Unterrichtsstunde eine Farce oder sagt ihnen plötzlich etwas Präzises und Ehrliches, sodass sie für einen Moment ihre Ironie ablegen und ihm tatsächlich zuhören. Das ist das Paradoxon des Romans: Sluzhkin ist für seinen Beruf als Lehrer ungeeignet, und doch hat er mitunter einen stärkeren Einfluss auf die Schüler als seine disziplinierteren Kollegen.
Ein paralleler Erzählstrang seiner eigenen Erinnerungen verläuft parallel. Immer wieder tauchen Szenen aus seiner Schulzeit auf – Budkin, Vetka, Saschenka – und alte Begebenheiten, in denen die zukünftigen Beziehungen bereits angelegt waren: Freundschaften, die von Rivalität, Liebe, Groll, Imponiergehabe und der Charakterinstabilität geprägt waren, die Sluzhkin später daran hindern sollte, ein „normaler“ Erwachsener zu werden. Ivanovs Vergangenheit ist nicht von der Gegenwart getrennt: Sie erklärt den Helden nicht von außen, sondern lastet beständig auf ihm, als wären alte Rollen nie vollständig ausgespielt worden.
Ein weiteres gefährliches Element taucht im Schulalltag auf: die Aufmerksamkeit von Mascha Bolschakowa. Mascha sieht in Sluschkin nicht nur einen lustigen Lehrer mit verkatertem Gesicht, sondern einen einsamen, nervösen Mann, der zu einer inneren Wahrheit fähig ist, die er jedoch oft hinter einer Fassade der Albernheit verbirgt. Ihre Gefühle scheinen zunächst eine jugendliche Schwärmerei zu sein, doch im Verlauf des Romans werden sie zu einer ernsthaften Prüfung für beide.
Flusswanderung
Der intensivste Teil des Buches handelt von der Wanderung, die Sluzhkin mit den Schulkindern unternimmt. Dieses Vorhaben birgt von Anfang an eine Ambivalenz: Für die Kinder ist die Wanderung eine Gelegenheit, der Langeweile des Schulalltags zu entfliehen und sich selbst zu erproben, während sie für Viktor selbst beinahe einem Abenteuer gleicht, bei dem er sich neue Kraft erhofft, obwohl er selbst auf die Verantwortung schlecht vorbereitet ist. Die Vorbereitungen verlaufen angespannt, Streitigkeiten innerhalb der Gruppe dauern an, und die alten Schulhierarchien sind allgegenwärtig.
Auf dem Fluss wird alles rauer und einfacher. Der Expeditionsalltag – die Kälte, das Wasser, die Erschöpfung, die Überquerungen, die Zwischenstopps und die Gefahr – lässt ihre gewohnte urbane Fassade schnell fallen. Die Jugendlichen sind nicht länger nur „Sonderkommando“ oder „Professoren“, sondern werden zum ersten Mal zu einfachen Menschen, die das Leben als beängstigend, schwierig und interessant empfinden. Auch Sluzhkin offenbart sich hier auf zweierlei Weise: Er versteht es, andere mit seiner Freiheit anzustecken, kann aber im selben Moment in Trunkenheit, Leichtfertigkeit und die völlige Vernachlässigung seiner Verantwortung verfallen.
Auf der Wanderung offenbarte Mascha schließlich ihre Gefühle. Zwischen ihr und Sluzhkin entwickelte sich eine gefährliche Vertrautheit, die beinahe von Verwirrung zu einem eklatanten moralischen Fehltritt überging. In diesem Moment erkannte Viktor, dass das Mädchen es ernst meinte, ohne Koketterie oder Verspieltheit, und zog sich zurück, nicht weil er plötzlich tadellos geworden war, sondern weil er seine letzten inneren Hemmungen noch nicht abgelegt hatte.
Der Höhepunkt ihrer Reise sind die Dolgan-Stromschnellen. Im Moment ihrer größten Herausforderung sind die Kinder fast ohne die nötige Führung von Erwachsenen und müssen diesen gefährlichen Abschnitt allein bewältigen. Dabei brauchen sie all ihre Willenskraft, ihr gegenseitiges Vertrauen und ihre gesamte Wandererfahrung. Diese Episode verändert sie mehr als jede Schulstunde: Sie reifen schlagartig, lernen den Wert des Risikos kennen und verstehen, dass ihr Lehrmeister gleichzeitig jemand ist, der ihnen nahesteht, und jemand, auf den sie sich in einem kritischen Moment nicht vollständig verlassen können.
Nach dem Rafting
Die Rückkehr nach Perm bringt keine Erleichterung. Was der Höhepunkt seiner Schulzeit hätte bleiben können, artet schnell in eine öffentliche Untersuchung aus: Sluzhkins Trunkenheit, die Unruhen und die Gefahr, der er die Schüler ausgesetzt hat, kommen ans Licht. Die Schule reagiert erwartungsgemäß, und Sluzhkin tritt zurück, da er nach einem solchen Skandal seinen Job nicht mehr behalten kann.
Zu diesem Zeitpunkt war sein Familienleben fast vollständig zusammengebrochen. Nadja hatte sich von ihm zurückgezogen, bevor es jemand bemerkte, Budkin hatte die Rolle des verlässlichen und sicheren Mannes übernommen, und Viktor selbst war allein mit dem, was ihn schon immer begleitet hatte: seiner Unsicherheit, seinen Schuldgefühlen und seiner vagen Zuneigung zu seiner Tochter. Weder Freundschaft noch Liebe noch die Schule konnten ihm eine neue, sichere Position bieten.
Das Ende des Romans ist bewusst still. Sluzhkin steht auf dem Balkon, Tata wartet in der Nähe auf den „goldenen“ Wagen, eine Katze sitzt auf dem Geländer, und dieser ganze helle Nachmittag in Rechniki verschmilzt unerwartet mit der tiefen Einsamkeit des Helden. Äußerlich geschieht in der Schlussszene fast nichts, doch hier wird deutlich, dass der Roman nicht zu einer Korrektur des Schicksals geführt hat, sondern zu dem präzisen, gnadenlosen Zustand eines Mannes, der alles verloren hat und dennoch die Welt betrachten, seine Tochter hören und am Leben bleiben kann.
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