Russische Matrjoschkas als Teil der Volkskultur
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In Russland begleiteten Puppen die Menschen von der Geburt bis zum Tod. Sie waren Kinderspielzeug, Ritualgegenstände und Hüter der familiären Lebensweise. Kunsthandwerkerinnen fertigten Figuren aus Lumpen, Stroh, Holz und Ton, die die Glaubensvorstellungen, das Wirtschaftsleben und die Weltanschauung der russischen Bauernschaft widerspiegelten.
Ursprung und alte Wurzeln
Es ist unmöglich, das genaue Datum des ersten Auftretens russischer Matrjoschka-Puppen zu bestimmen. Archäologische Funde belegen, dass die Ostslawen bereits in vorchristlicher Zeit anthropomorphe Figuren aus Naturmaterialien wie Holz, Ranken, Gras und Stroh herstellten. Wälder bildeten den primären Lebensraum der Russen, und auch das Material für die Puppen stammte von dort. Ein Birkenstamm, ein Espenzweig, ein Bündel Heu – alles wurde verwendet.
Mit der Annahme des Christentums verschwanden heidnische Rituale formell aus dem Alltag, doch Puppen behielten ihre rituellen Funktionen. Sie wanderten in den häuslichen Bereich ab und traten in den Hintergrund, was ihre Bedeutung in den Augen der Bauern jedoch nicht schmälerte. An der Schnittstelle zweier religiöser Traditionen entstand ein einzigartiger Synkretismus: Ein aus Fäden gefertigtes Kreuz auf der Brust einer Stoffpuppe wurde gleichzeitig als christliches Symbol und als uraltes Sonnenzeichen gedeutet.
Drei Zwecke der russischen Puppe
Volkskulturwissenschaftler unterscheiden drei Puppengruppen anhand ihres Verwendungszwecks: Schutz-, Ritual- und Spielpuppen. Die Grenzen zwischen diesen Gruppen waren oft fließend – eine Spielpuppe konnte zu einem Talisman werden, während eine Ritualpuppe nach dem Fest an Kinder verschenkt wurde.
Schutzpuppen wurden angefertigt, um eine bestimmte Person oder eine ganze Familie vor Krankheit, dem bösen Blick und bösen Geistern zu bewahren. Ritualpuppen dienten dazu, bestimmte Daten im landwirtschaftlichen oder Familienkalender zu markieren – Hochzeiten, Geburten, Aussaatbeginn und Ernte. Spielpuppen waren sowohl ein Zeitvertreib für Kinder als auch ein Lernmittel: Mädchen lernten durch das Spielen mit Puppen Nähen, Sticken, Spinnen und die Regeln des Tragens traditioneller Trachten.
Gesichtslosigkeit als Prinzip
Eines der auffälligsten Merkmale der russischen Volkspuppe ist ihr fehlendes Gesicht. Augen, Nase und Mund wurden weder aufgemalt noch auf den Stoff gestickt. Dieser Brauch hatte einen klaren Ursprung im Volksglauben: Eine Puppe mit Gesicht galt als „belebt“ und konnte der Legende nach von bösen Geistern besessen sein. Eine gesichtslose Figur hingegen blieb für dunkle Geister „leer“ und war daher für ihren Besitzer sicher.
In Dörfern wurde dieses Verbot manchmal einfacher erklärt: Es gäbe keine geeigneten Farben und niemand könne gut malen. Doch hinter dieser profanen Erklärung verbarg sich eine tiefe mythologische Logik. Die gesichtslose Puppe war universell: Sie konnte je nach Stimmung des spielenden Kindes „lachen“ oder „weinen“.
Basteln ohne Nadeln und Schere
Bei der Herstellung von Schutzpuppen hielten sich die Kunsthandwerkerinnen an eine strenge Regel: Sie vermieden die Verwendung scharfer oder stechender Gegenstände. Der Stoff wurde von Hand gerissen, nicht mit der Schere geschnitten; die Stücke wurden nicht mit Nadel und Faden zusammengebunden, sondern umwickelt und verknotet. Man glaubte, dass das Durchstechen des Stoffes mit einer Nadel das zukünftige Amulett „verwunden“ und seiner Schutzkraft berauben könnte.
Als Material dienten Stoffreste alter Kleidung, die an sich schon eine tiefere Bedeutung hatten. Abgetragene Stoffe bargen die „Energie“ der Familie, ihre Wärme und ihre Erinnerungen. Die Wahl roter Fäden war bewusst getroffen – die Slawen verbanden Rot mit Vitalität, Gesundheit und der Sonne.
Puppen wurden fast ausschließlich von Frauen hergestellt. In der allgemeinen Vorstellung besaß die Frau, die Hüterin von Herd und Familie, die Fähigkeit, dem Amulett die nötige Kraft zu verleihen. Männer waren an diesem Prozess nicht beteiligt, außer beim Schnitzen der Holzsockel für einige Ritualfiguren.
Kuvadka – ein Talisman für ein Neugeborenes
Eine der ältesten russischen Matrjoschka-Puppen ist die Kuwadka. Ihr Name leitet sich vom „Kuvada“-Ritual ab, das der Vater des ungeborenen Kindes während der Geburt durchführte. Das Ritual sollte böse Geister von Mutter und Kind ablenken. Der Vater simulierte Wehen, um die Aufmerksamkeit der bösen Geister auf sich zu lenken.
Kuvadki – kleine, bunte Häkelarbeiten aus Stoffresten – wurden über die Wiege eines Babys gehängt. Sie wurden meist in ungerader Anzahl gefertigt: drei, fünf oder sieben. Sie sollten böse Geister abwehren und dienten dem Baby später als erstes Spielzeug. Es gibt mittelrussische, tulanische und wjatkische Varianten der Kuvadki – sie unterscheiden sich in Form und Häkeltechnik, erfüllen aber denselben Zweck.
Windeln – Schutz vor der Taufe
Eine Windel – eine kleine, säulenförmige Puppe, fest in Stoff gewickelt und mit Faden verschnürt – wurde angefertigt, um ein Neugeborenes in den ersten Lebenstagen vor der Taufe zu schützen. Im Volksglauben galt ein ungetauftes Kind als besonders anfällig für den „bösen Blick“. Die Windel wurde in die Wiege neben das Baby gelegt, und manchmal trug die Mutter sie sogar schon vor der Geburt bei sich.
Interessanterweise wurde Gästen, die das Neugeborene sehen wollten, manchmal ein Wickeltuch überreicht. Der Gast nahm die Puppe in die Hand und „lobte“ sie – so sollte ein möglicher böser Blick auf die Stoffpuppe und nicht auf das lebende Kind gelenkt werden.
Krupenichka und Zernovushka sind Amulette des Wohlstands
Die Krupenichka (auch Zernovushka genannt) ist eine der am meisten verehrten Amulettpuppen in der Rus. Sie wurde aus einem mit Getreide der neuen Ernte gefüllten Leinensack gefertigt. Nach der Ernte im Herbst nähte die Hausherrin die Puppe, füllte sie mit dem besten Getreide und stellte sie in die rote Ecke oder in die Nähe der Lebensmittelvorräte.
Die Krupenichka-Puppe hatte sowohl eine symbolische als auch eine ganz praktische Funktion. Wenn die Familie einen harten Winter erlebte und die Vorräte knapp wurden, nahm man Getreide von der Puppe und verwendete es im Frühjahr als Saatgut. Verschiedene Getreidesorten hatten jeweils zusätzliche Bedeutungen: Buchweizen stand für Wohlstand, Hafer für Gesundheit, Gerste für Sättigung und Reis für Reichtum.
Eine männliche Figur, Bogach, wurde manchmal zusammen mit Krupenichka aufgestellt. Gemeinsam symbolisierten sie das Wohlergehen der Familie und einen vollen Mülleimer.
Liebesvögel – ein Hochzeitsamulett
Unter den Hochzeitspuppen nahmen die Liebesvögel eine besondere Stellung ein – eine Figur eines Brautpaares, das durch eine gemeinsame Hand verbunden war. Sie wurden dem Brautpaar am Hochzeitstag geschenkt. Die gemeinsame Hand symbolisierte die Verbundenheit des Paares und ihren Willen, gemeinsam durchs Leben zu gehen.
Liebesvögel wurden unter dem Bogen des Hochzeitstrios aufgehängt oder gut sichtbar im Haus des Brautpaares platziert. Diese Puppen sollten die Familie vor dem bösen Blick, Streit und Untreue schützen. Verheiratete Frauen fertigten manchmal Liebesvögel an, um ihre eigene Beziehung zu stärken.
Maslenitsa ist ein Strohbild des vergänglichen Winters
Die Maslenitsa-Puppe nimmt unter den Ritualfiguren eine Sonderstellung ein. Anders als Amulette, die geschätzt und aufbewahrt wurden, war die rituelle Maslenitsa-Puppe zur Zerstörung bestimmt. Eine lebensgroße Strohpuppe (manchmal auch deutlich größer) wurde auf einem Holzkreuz befestigt, in farbenfrohe Kleidung mit Blumenmuster gekleidet und mit einem Schal bekleidet.
In der Provinz Tula wurden Maslenitsa-Puppen aus Bast oder Stroh gefertigt und an einem Birkenstamm befestigt. Das Stroh symbolisierte die üppige Kraft der Vegetation. Man steckte der Puppe Utensilien zum Pfannkuchenbacken in die Hände und hängte Bänder an ihre Arme, an denen die Menschen Wünsche formten. Am Vergebungssonntag wurde die Puppe feierlich verbrannt – die Bänder und die Wünsche sollten mit ihr in Flammen aufgehen, damit sie in Erfüllung gingen.
Neben der großen Götterfigur besaß jedes Haus eine kleine Motanka-Puppe, auch Maslenitsa genannt. Sie wurde das ganze Jahr über – von Maslenitsa bis Maslenitsa – angefertigt. Diese Haushaltspuppe beschützte die Familie und symbolisierte Wohlstand.
Bereginya ist die Hüterin des Hauses
Die Bereginya ist ein Bild, das auf die altslawische Mythologie zurückgeht. Dem Volksglauben zufolge sind Bereginyas Schutzgeister, die alles Lebendige behüten, Menschen helfen und Kinder beschützen. Die Bereginya-Puppe verkörperte diese Schutzkraft in einem materiellen Objekt.
Diese Puppe wurde meist aus weißem und rotem Stoff gefertigt. Sie stand am Hauseingang oder in der roten Ecke. Sie begrüßte jeden, der das Haus betrat, und der Legende nach hielt sie böse Geister fern. Die Bereginya wurde oft als Einzugsgeschenk überreicht, verbunden mit Wünschen für Wohlstand und ein friedliches Leben im neuen Zuhause.
Puppe "Tag und Nacht"
Unter den täglichen Schutzpuppen stach ein Paar namens „Tag und Nacht“ besonders hervor. Es handelte sich um zwei kleine Engel – einer aus dunklem, der andere aus hellem Stoff – , die durch einen zweifarbigen Faden verbunden waren. Tagsüber wurde die helle Puppe aufgestellt, nachts die dunkle. Sie bewachten abwechselnd rund um die Uhr das Haus.
Aschepuppe – Erinnerung an die Vorfahren
Die Aschepuppe verdankt ihren Namen der Asche, die aus dem Herdfeuer stammt. Eine Handvoll Asche wurde mit Wasser vermischt und zu einer Kugel geformt – daraus entstand der Kopf der Puppe. Der Körper wurde aus Stoff gefertigt. Die Asche des Familienofens trug den „Geist“ des Hauses, die Wärme der Vorfahren, in sich. Daher wurde einer Braut oft eine Aschepuppe geschenkt, wenn sie das Elternhaus verließ – als Verbindung zu ihrer früheren Familie und als Erinnerung an ihre Abstammung.
Anders als viele andere Puppen war die Aschefigur nicht mit einem Kopfschmuck verziert. Ethnografen führen dies darauf zurück, dass sie zu den „unsterblichen“ Amuletten gehörte – Amulette, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und nicht an ein bestimmtes Alter oder einen bestimmten Familienstatus gebunden waren.
Seerose – Schutz vor Krankheiten
Eine Kräuterpuppe wurde mit getrockneten, aromatischen Kräutern gefüllt. Minze, Thymian, Oregano, Johanniskraut und andere Pflanzen wurden im Sommer gesammelt und getrocknet. Die Puppe wurde neben das Kinderbett gehängt oder in Ecken des Hauses gestellt, aus denen „schlechte Luft“ kommen konnte.
Der praktische Effekt war hier eng mit dem Magischen verknüpft. Die ätherischen Öle der Kräuter desinfizierten tatsächlich die Luft und hielten Insekten fern. Doch der Bauer glaubte, die Puppe selbst wirke – ihr „Kräutergeist“ vertreibe Krankheit und Böses. Die Kräuter in der Kubyschka sollten alle zwei Jahre ausgetauscht werden, da das Amulett sonst „schwächer“ würde.
Zhelannitsa ist das geheime Amulett eines Mädchens
Eine Zhelannitsa war eine persönliche Puppe, die ein Mädchen heimlich für sich selbst anfertigte, vor neugierigen Blicken verbarg und niemandem zeigte. Wenn sie sich etwas wünschte, nähte die Besitzerin eine Perle, ein Band oder ein Stück Stoff an die Puppe und sprach: „Sieh nur, wie schön du bist! Erfülle mir meinen Wunsch!“ Je schöner die Zhelannitsa wurde, desto stärker war laut Legende ihre Kraft.
Puppenkleidung als Spiegelbild der Volkstracht
Die Kleidung einer Stoffpuppe ist nicht nur Dekoration, sondern ein recht genaues Abbild traditioneller russischer Tracht. Weibliche Puppen trugen ein Hemd, eine Poneva (einen Rock), eine Schürze mit Gürtel und eine Kopfbedeckung – ein Kopftuch oder ein Stirnband. Männliche Puppen trugen, sofern vorhanden, eine Kosovorotka (ein traditionelles russisches Hemd) und eine Hose.
Kopfbedeckungen hatten eine besondere Bedeutung. Das Haar einer verheirateten Frau musste vollständig bedeckt sein – mit einem Povoynik, Kokoshnik oder Kopftuch. Dem Volksglauben nach besaß unbedecktes Haar bei einer verheirateten Frau „magische Kräfte“ und konnte Unglück bringen. Mädchen trugen ein Band um den Kopf, wobei der Hinterkopf und der Zopf frei blieben.
Die Stickereien auf der Puppenkleidung bildeten die schützenden Muster echter Trachten nach – Sonnenzeichen, Rauten und Kreuze. Diese Symbole schützten vor bösen Mächten und verrieten gleichzeitig die regionale Herkunft der Kunsthandwerkerin. Auch die Farben wurden bewusst gewählt: Rot stand für Leben und Gesundheit, Weiß für Reinheit und Licht und Schwarz für Erde und Fruchtbarkeit.
Regionale Vielfalt
Russische Volkspuppen waren nie standardisiert. Jede Puppe war in jedem Dorf, in jeder Straße einzigartig. Familien gaben die Techniken der Puppenherstellung von Mutter zu Tochter weiter, und jede Puppe trug die Spuren eines bestimmten Haushalts, seines Weltverständnisses und seiner ästhetischen Vorlieben.
Die nördlichen Regionen bevorzugten schlichte Formen mit minimaler Verzierung. In den südlichen Regionen trug man bevorzugt farbenfrohe, mehrlagige Kleidung mit üppigen Stickereien und Bändern. Die Kunsthandwerkerinnen von Tula waren berühmt für ihre aus Bast gefertigten Maslenitsa-Puppen, während die Kunsthandwerkerinnen von Vyatka für ihre unverwechselbaren Kuvadki bekannt waren. Jede Provinz entwickelte ihren eigenen, unverwechselbaren Stil, der einem erfahrenen Ethnografen erkennbar war.
Manche Bauernfamilien besaßen bis zu hundert Puppen verschiedenster Art und für unterschiedliche Zwecke. Sie wurden sorgsam in Kisten, Körben und Truhen aufbewahrt. Niemals lagen sie draußen herum oder wurden im Haus verstreut. Puppen wurden zur Erntezeit und zu Festen mitgenommen und gehörten zur Mitgift einer Braut.
Puppen und Altersübergänge
Die russische Matrjoschka markierte Alters- und soziale Übergänge im Leben eines Menschen. Windeln wurden schon vor der Geburt verwendet. Kuvadki hingen über der Wiege. Mit fünf Jahren konnte ein Mädchen bereits selbst eine einfache Puppe basteln. Bis zum Alter von sieben oder acht Jahren spielten alle Kinder – Jungen wie Mädchen – mit Puppen, solange sie nur Hemden trugen. Sobald Jungen Hosen und Mädchen Röcke anzogen, wurde das Spielen streng getrennt.
Bei Zusammenkünften brachten Mädchen im Teenageralter Puppen und ein Spinnrad mit. Die Qualität der Puppe galt als Maßstab für Geschick und Geschmack ihrer Besitzerin – sie war eine Art sozialer Test. Eine junge Ehefrau, die in das Haus ihres Mannes einzog (und Ehen wurden manchmal schon mit vierzehn Jahren geschlossen), versteckte ihre Puppen auf dem Dachboden und spielte heimlich mit ihnen. Der Schwiegervater verbot allen im Haus, über die junge Frau zu lachen. Später wurden diese Puppen an ihre eigenen Kinder vererbt.
Matrjoschka ist ein spätes, aber bemerkenswertes Phänomen
Matrjoschka-Puppen – bemalte Holzpuppen, die man auseinandernehmen kann – tauchten viel später als Stoffamulette auf, nämlich in den 1890er Jahren. Der Handwerker Wassili Swesdotschkin aus Podolsk schnitzte die erste Form, und der Künstler Sergei Maljutin bemalte sie als Bauernmädchen mit Sarafan und Kopftuch.
Es gibt eine Theorie über ein japanisches Vorbild – eine zweigeteilte Figur des Weisen Fukuruma, die in die Werkstatt „Kindererziehung“ der Familie Mamontow gebracht worden sein soll. Zvezdochkin selbst behauptete jedoch, nie japanische Exemplare gesehen zu haben. Der Ursprung der Matrjoschka-Puppe ist weiterhin umstritten.
Anders als die antiken Stoffpuppen wurde die Matrjoschka ursprünglich als Gebrauchsgegenstand – als Spielzeug und Souvenir – geschaffen. Ihre Massenproduktion begann in den 1890er-Jahren, angetrieben vom Interesse am „russischen Stil“ und der nationalen Kultur. Schnell nahm die Matrjoschka jedoch volkstümliche Motive auf: Trachten, Bemalungen mit Blumen- und Beerenmotiven, die Idee der ineinander verschachtelten Figuren – all dies knüpfte an archaische Vorstellungen von Fruchtbarkeit und Mutterschaft an.
Die Puppe im System der populären Weltanschauung
Die russische Volkspuppe existierte innerhalb eines kohärenten Glaubenssystems, in dem die Welt in „das Eigene“ und „das Fremde“, „rein“ und „unrein“ unterteilt war. Das Zuhause war der eigene Raum, und schützende Puppen standen an seinen Grenzen – am Eingang, an den Fenstern, über der Wiege – und bewachten die Übergangspunkte.
Das Fadenkreuz auf der Brust der Puppe, die rote Farbe ihrer Kleidung und das fehlende Gesicht – all dies diente einem einzigen Zweck: den lebenden Menschen vor schädlichen Kräften zu schützen. Gleichzeitig wurde die Puppe selbst nicht als „Gottheit“ oder „Götze“ betrachtet. Sie war ein Vermittler, ein Werkzeug, durch das der Mensch mit der unsichtbaren Welt in Kontakt trat.
Rituelle Puppen wie Maslenitsa oder Kostroma erfüllten eine andere Funktion – durch sie wurde der Kalenderzyklus gemeinsam erlebt. Das Verbrennen einer Strohpuppe symbolisierte den „Tod“ des Winters und die „Geburt“ des Frühlings. Dieser Akt der rituellen Zerstörung war keine Trauer, sondern ein Fest – die Menschen sangen, tanzten und jubelten am Feuer.
Moderne Existenz
Die Tradition der Puppenherstellung schien mit dem Verschwinden des bäuerlichen Lebens in Vergessenheit geraten zu sein. Doch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen Ethnografen und Volkskünstler systematisch alte Exemplare zu sammeln und nachzubilden. Heute gibt es in Russland Handwerkszentren, Kunsthandwerkszentren und Museumswerkstätten, die Kurse in traditioneller Puppenherstellung anbieten.
Handgefertigte Patchwork-Figuren erfüllen heute eine kommunikative Funktion – sie sind zu einem Mittel geworden, sich mit volkstümlichen Kulturerfahrungen auseinanderzusetzen. Kunsthandwerkerinnen geben Meisterkurse, nehmen an Messen teil und kreieren originelle Variationen, die auf alten Techniken basieren. In Kostroma findet beispielsweise jährlich ein Maslenitsa-Puppenwettbewerb statt, bei dem Kunsthandwerkerinnen aus verschiedenen Regionen ihre Werke präsentieren.
Die Volkspuppe ist jedoch nach wie vor eine lebendige Tradition. Mütter nähen weiterhin Windeln für Neugeborene, Bräute erhalten Liebesvögel als Mitgift, und Krupenitschki (eine Puppenart) mit dem neuen Erntegetreide tauchen im Herbst in den Küchenregalen auf. Diese aus Stoffresten gefertigte Figur, gesichtslos und ohne eine einzige Naht, bewahrt die Bedeutung, die ihr russische Handwerkerinnen seit Jahrhunderten verleihen.
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