Mimetisches Verlangen
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Menschen haben den Wunsch, ihren Vorbildern ähnlicher zu werden, indem sie sie nachahmen.
Das Konzept des mimetischen Begehrens ist in Philosophie, Anthropologie und Psychologie verbreitet und besagt, dass menschliche Begierden von Natur aus imitativ sind: Menschen begehren Objekte und Zustände nicht aus einem spontanen Verlangen heraus, sondern weil sie andere – wichtige Vorbilder – diese begehren oder besitzen sehen. Das Konzept wurde systematisch in den Werken des französischen Philosophen und Kulturanthropologen René Girard entwickelt und fand später Anwendung in Psychologie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und Marketing.
2 Die Struktur des dreieckigen Begehrens
3 Metaphysisches Verlangen
4 Rivalität und Eskalation des Konflikts
5 Parallelen in der Psychologie: Bandura und die soziale Lerntheorie
6 Mimetisches Begehren in Kultur und Gesellschaft
7 Nachahmung beim Lernen
8 Mimetisches Verlangen und Massenmedien
9 Kritik der Theorie
10 Metaphysik der Identität und des Begehrens
11 Politische und historische Anwendungen
12 Anwendung in der Psychotherapie
13 Girard im Kontext der westlichen Philosophie
14 Theorie im akademischen Kontext
René Girard und der Ursprung des Konzepts
René Girard (1923–2015) war ein französisch-amerikanischer Denker, der Literaturkritik, Anthropologie und Religionswissenschaft in seinem Werk verband. Geboren in Frankreich und 1947 in die Vereinigten Staaten emigriert, verbrachte er den Großteil seiner akademischen Laufbahn an amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, wo er seine „fundamentale Anthropologie“ entwickelte – den Versuch, die Ursprünge von Kultur, Religion und Gewalt durch den gemeinsamen Mechanismus der Nachahmung zu erklären.
Die Idee des mimetischen Begehrens tauchte erstmals in seinem Debütwerk „ Mensonge romantique et vérité romanesque“ (1961) auf. In seiner Analyse der Romane von Cervantes, Stendhal, Flaubert, Dostojewski und Proust entdeckte Girard eine gemeinsame Grundstruktur: Die Figuren wählen ihre Begierden nicht selbst, sondern erhalten sie von einem Vermittler – einer Figur, die sie imitieren. Später entwickelte er diese Beobachtung zu einer anthropologischen Theorie weiter und dehnte sie weit über die Literatur hinaus aus.
„Der Mensch ist ein Geschöpf, das nicht weiß, was es begehren soll, und sich deshalb an anderen orientiert, um Entscheidungen zu treffen. Wir begehren, was andere begehren, weil wir ihre Begierden nachahmen.“ – René Girard
Die Struktur des dreieckigen Begehrens
Girard nannte sein Modell des Begehrens „dreieckig“ oder „vermittelt“ und stellte es dem linearen Subjekt-Objekt-Modell gegenüber. Girards Konstrukt hat drei Pole: das Subjekt (derjenige, der begehrt), das Objekt (das Begehrte) und den Vermittler (denjenigen, dessen Begehren das Subjekt reproduziert). Der Vermittler ist nicht einfach nur ein Verhaltensvorbild; er verleiht dem Objekt Wert. Ohne den Vermittler bliebe das Objekt möglicherweise unbemerkt.
Entscheidend ist, dass sich das Subjekt dieses Mechanismus in der Regel nicht bewusst ist. Es ist von der Autonomie seiner Wünsche überzeugt – davon, dass es sich aus einem inneren, persönlichen Grund zu dem Objekt hingezogen fühlt. Genau diese Illusion nannte Girard die „romantische Lüge“ und stellte sie der „romanhaften Wahrheit“ gegenüber, die große Schriftsteller offenbaren, indem sie die imitativen Ursprünge ihrer Figuren aufzeigen.
Externe und interne Mediation
Girard unterschied zwei grundlegend verschiedene Arten der Mediation, je nachdem, wie nahe der Mediator dem Subjekt in einem „spirituellen“ Sinne steht – das heißt, ob sie sich in vergleichbaren Lebensumständen befinden.
Externe Vermittlung liegt vor, wenn die Distanz zwischen Subjekt und Vermittler groß ist – sozial, historisch oder ontologisch. Ein klassisches Beispiel aus Don Quijote: Don Quijote selbst ahmt den gallischen Ritter Amadis nach – eine Romanfigur, die im Grunde unerreichbar ist und daher kein wirklicher Rivale werden kann. Sancho Panza wiederum ahmt Don Quijotes Wünsche nach, doch da sie in unterschiedlichen Welten leben, überschneiden sich ihre Wünsche nicht direkt, und es entsteht keine Rivalität. Ein Kind, das seine Eltern nachahmt, ein Erwachsener, der von einem historischen Helden inspiriert wird – all dies sind Fälle externer Vermittlung.
Interne Vermittlung ist eine Situation, in der Vermittler und Subjekt auf derselben Ebene stehen und denselben Anspruch auf dasselbe Objekt erheben können. Hier entwickelt sich Nachahmung leicht zu Rivalität: Der Vermittler wird sowohl zum Vorbild als auch zum Hindernis. Girard erkannte diesen Typus in Stendhals Romanen, in denen die Figuren konkrete Zeitgenossen beneiden, anstatt ferne Ideale zu verehren – und er sah darin ein charakteristisches Merkmal der modernen Gesellschaft mit ihrer betonten Gleichheit der Menschen.
Metaphysisches Verlangen
Girard unterschied innerhalb des mimetischen Begehrens noch einmal zwischen der Mimesis der Aneignung und dem metaphysischen Begehren. Ersteres ist das Begehren, dasselbe Objekt zu besitzen wie ein anderer. Letzteres ist tiefgreifender: Das Subjekt begehrt nicht nur ein Objekt, sondern das Sein des Vermittlers selbst, seine Fülle, Gewissheit und Integrität. Das Objekt wird lediglich zum Symbol, zum „Pass“ zum ersehnten Daseinszustand.
Metaphysisches Begehren erklärt ein aus dem Alltag bekanntes Paradoxon: Jemand erreicht sein Ziel – kauft ein Auto, bekommt einen Job, erlangt Anerkennung – und verspürt dennoch nicht die erwartete Befriedigung. Dies liegt daran, dass das wahre Objekt des Begehrens nie ein konkretes Objekt war. Dahinter verbarg sich etwas anderes – ein Gefühl der Fülle des Seins, das das Subjekt im Vermittler sah (oder sich vorstellte). Girard nannte dies „Nächstenvergötterung“ – die Vergöttlichung eines anderen Menschen, der in den Augen des Subjekts das besitzt, was ihm selbst fehlt.
Rivalität und Eskalation des Konflikts
Der Mechanismus der Rivalität ergibt sich logisch aus der Struktur des Dreiecksmotivs der Begierde. Wenn zwei Subjekte die Begierden des jeweils anderen imitieren (doppelte Vermittlung), verstärken sich ihre Begierden gegenseitig. Der Widerstand, die Unerreichbarkeit oder die aktive Opposition des Vermittlers machen das Objekt noch attraktiver – nicht trotz des Hindernisses, sondern gerade deswegen. Die Rivalen denken immer weniger an das Objekt und immer mehr aneinander; das Objekt selbst verliert allmählich seinen Eigenwert und wird zum Vorwand für den Kampf.
Girard beschrieb diesen Prozess als „mimetische Krise“ – einen Zustand eskalierender Gewalt, in dem die ursprünglichen Unterschiede zwischen den Menschen verschwinden und jeder zum Spiegelbild des anderen wird. Historisch gesehen haben Gesellschaften aus dieser Krise den „Sündenbockmechanismus“ genutzt: Die kollektive Aggression wird auf eine Person oder Gruppe umgelenkt, die für das allgemeine Chaos verantwortlich gemacht wird. Die Vernichtung oder Vertreibung des Opfers stellte die Ordnung vorübergehend wieder her, beseitigte aber nicht die eigentliche Ursache des Konflikts.
Der Sündenbockmechanismus
Das Opfer wird nicht aufgrund tatsächlicher Schuld ausgewählt, sondern nach dem Prinzip der Andersartigkeit: Es muss „fremd genug“ sein, damit sein Ausschluss wie ein Akt der Einigung wirkt, und „freundschaftlich genug“, damit sein Opfer symbolische Bedeutung hat. Girard glaubte, dass dieser Mechanismus archaischen Opferritualen zugrunde liegt: Primitive Gemeinschaften entdeckten, dass rituelle Gewalt spontane Gewalt dämpft – und verankerten diese Erkenntnis in ihren religiösen Praktiken.
Girard maß den biblischen Texten, insbesondere den Evangelien, eine zentrale Rolle bei der Aufdeckung des Sündenbockmechanismus bei: In ihnen wird das Opfer erstmals offen für unschuldig erklärt, wodurch die kollektive Selbsttäuschung zerstört wird. Dies machte Girards Theorie gleichzeitig anthropologisch und theologisch – und rief gerade deshalb in akademischen Kreisen gemischte Reaktionen hervor.
Parallelen in der Psychologie: Bandura und die soziale Lerntheorie
Unabhängig von Girard untersuchten Psychologen die Imitation als Mechanismus des Verhaltenserwerbs. Albert Bandura entwickelte die soziale Lerntheorie, die besagt, dass Menschen neue Verhaltensweisen durch die Beobachtung von Vorbildern – wichtigen Personen in ihrer Umgebung – erlernen. Banduras Forschung, darunter die berühmten Bobo-Puppen-Experimente der 1960er-Jahre, zeigte, dass die Beobachtung des Verhaltens eines Vorbilds ausreicht, um es zu imitieren, selbst ohne direkte Verstärkung.
Zwischen Girard und Bandura besteht ein grundlegender Unterschied. Bandura beschreibt Imitation als kognitiven Prozess: Der Beobachter speichert Verhaltensmuster im Gedächtnis und reproduziert sie unter passenden Bedingungen, geleitet von der erwarteten Belohnung. Girard hingegen spricht von etwas Tieferem: der Imitation des Wunsches selbst, nicht nur der Handlung. Man übernimmt nicht nur das Verhalten des Vorbilds, sondern auch dessen Ideal – und genau darin liegt die Grundlage für Konflikte.
Episoden mimetischen Begehrens werden von einer besonderen Art von Überzeugung über das Modell geleitet – von sogenannten „Hüterüberzeugungen“ – , die sich von den „dünnen“ instrumentellen Überzeugungen unterscheiden, die Banduras Theorie der sozialen Kognition zugrunde liegen.
Forscher, die die beiden Konzepte verglichen haben, stellen fest, dass sie unterschiedliche Ebenen desselben Phänomens beschreiben: Banduras Theorie erklärt besser den Erwerb spezifischer Fähigkeiten, während Girards Theorie die Bildung von Zielen und Werten selbst besser erklärt.
Vorbilder in der kindlichen Entwicklung
Daten der Entwicklungspsychologie bestätigen die zentrale Rolle der Imitation bereits in den frühesten Lebensphasen. Säuglinge ahmen in den ersten Lebenswochen die Gesichtsausdrücke von Erwachsenen nach. Vorschulkinder imitieren bereitwillig die Handlungen ihrer Eltern, Bezugspersonen und älteren Kinder – insbesondere solche, die als sozial bedeutsam oder prestigeträchtig wahrgenommen werden.
Bandura zeigte, dass Kinder eher Vorbilder imitieren, die ihnen ähnlich sind – in Alter, Geschlecht und sozialem Status. Dies deckt sich mit Girards Konzept der inneren Vermittlung: Je ähnlicher das Vorbild, desto stärker die Identifikation, aber auch desto höher das Risiko von Rivalität. Eltern, Lehrer und ältere Geschwister fungieren als erste Vermittler von Wünschen – sie prägen das anfängliche Repertoire dessen, was erstrebenswert ist.
Mimetisches Begehren in Kultur und Gesellschaft
Girards Theorie geht über die Individualpsychologie hinaus und bietet Instrumente zur Analyse ganzer Kultursysteme. Mode, Prestige und sozialer Wettbewerb lassen sich allesamt durch den Mechanismus der Vermittlung beschreiben. Der Wunsch nach höherem sozialen Status ist nicht autonom: Er existiert nur insofern, als es andere gibt, deren Status als erstrebenswertes Vorbild wahrgenommen wird.
Die Dynamik der Konsumgesellschaft ist besonders aufschlussreich. Marketingstrategien, die Bilder von „erfolgreichen“ Menschen nutzen, funktionieren genau deshalb, weil potenzielle Käufer diese als Vermittler sehen – als Personen, die das erstrebenswerte „Sein“ verkörpern. Das Produkt selbst kann neutral sein; sein Wert entsteht durch die Verbindung zu einem Vorbild, das nachgeahmt werden soll.
Neid, Rivalität und Gewalt
Girard betrachtete Neid als unvermeidliche Begleiterscheinung innerer Auseinandersetzung. Das Subjekt bewundert und hasst den Vermittler zugleich, weil dieser besitzt, was dem Subjekt fehlt. Girard nannte dieses ambivalente Gefühl „Neid-Bewunderung“ und erkannte es in einer Vielzahl literarischer Figuren, von Raskolnikow bis Julien Sorel.
Jean-Michel Oughourlian, klinischer Psychiater und enger Mitarbeiter Girards, wandte die Theorie des mimetischen Begehrens auf die Psychopathologie an. Er beschrieb, wie Rivalität wiederkehrend wird: Der Patient wiederholt den ursprünglichen Konflikt immer wieder, in der Hoffnung, einen unerreichbaren Sieg zu erringen. Eifersucht, Rachsucht, Besessenheit – aus Oughourlians Sicht wurzeln all diese Phänomene in einem einzigen Mechanismus: der sich selbst verstärkenden mimetischen Rivalität.
Nachahmung beim Lernen
Unter den Anwendungsgebieten der Theorie des mimetischen Begehrens findet sich eine rein positive – die pädagogische. Wenn ein Schüler einen Lehrer aufrichtig bewundert, übernimmt er nicht nur Wissen und Fertigkeiten, sondern auch die Wissbegierde. Hierbei wird der Lehrer nicht zum Rivalen – die Distanz zwischen ihnen ist zu groß. Dies ist ein klassisches Beispiel externer Vermittlung: Die Autorität des Lehrers verleiht dem Fach in den Augen des Schülers Wert, gerade weil der Lehrer es selbst mit offenkundiger Leidenschaft behandelt.
Bandura bestätigte dies experimentell: Schülerinnen schnitten in Mathematik besser ab, wenn der Erfolg des Vorbilds auf Anstrengung und nicht auf angeborenes Talent zurückgeführt wurde. Anders ausgedrückt: Eine Bezugsperson fungiert als Vorbild, wenn Nachahmung erreichbar erscheint – das angestrebte Ziel wird nachgeahmt, verbunden mit dem Glauben an dessen Erreichbarkeit.
Die Gefahren der Nachahmung ohne kritische Distanz
Imitation ohne Reflexion birgt jedoch Risiken. Luke Burgis, Unternehmer und Forscher, der Girards Ideen in seinem Buch „Der Durstige“ (2021) bekannt machte, schrieb, dass der Mangel an stabilen persönlichen Werten einen Menschen anfällig für den ständigen Wechsel von Vorbildern macht. Wenn jede neue wichtige Bezugsperson andere Wünsche weckt, fühlt sich der Mensch in sieben Milliarden Richtungen – der Anzahl potenzieller Bezugspersonen – „zerrissen“. Das Anhäufen von Wünschen ohne innere Hierarchie führt nicht zu Zufriedenheit; es vergrößert lediglich die Angriffsfläche für Imitation.
Mimetisches Verlangen und Massenmedien
Als Girard in den 1960er Jahren seine Theorie formulierte, beschränkte sich die öffentliche Vermittlung auf Film, Fernsehen und Hochglanzpresse. Das Prinzip blieb jedoch dasselbe: Bildschirmbilder dienten Millionen von Zuschauern als Vermittler von Wünschen. Eine Berühmtheit, die einen Lebensstil demonstrierte, in dem der Zuschauer die „Fülle des Seins“ wahrnahm, löste den von Girard beschriebenen Mechanismus aus.
Die Vielzahl digitaler Medienplattformen hat die Zahl der verfügbaren Vermittler vervielfacht und die Distanz zwischen Subjekt und Vorbild drastisch verringert. Ein einflussreicher Blogger oder Videoproduzent wird als „fast ein und dieselbe Person“ wahrgenommen – was den Bedingungen einer internen Vermittlung entspricht und somit ein größeres Interesse und potenziell intensivere Rivalität erzeugt.
Influencer als mimetische Vermittler
Die Konsumverhaltensforschung belegt einen direkten Zusammenhang zwischen den Eigenschaften von Influencern und der Kaufabsicht, wobei der Wunsch nach Nachahmung als Mediator in dieser Kette fungiert. Eine Studie mit 302 Vertretern der Generation Z aus der Hotelbranche zeigte, dass die Merkmale von Influencern – ihre Glaubwürdigkeit, Attraktivität und Expertise – das Konsumverhalten indirekt, nämlich über den Wunsch nach Nachahmung, beeinflussen: Zunächst entsteht der Wunsch, den Influencer nachzuahmen, und erst dann erfolgt der eigentliche Kauf des Produkts.
Eine separate Studie zu virtuellen Influencern ergab, dass die Übereinstimmung zwischen einer virtuellen Figur und der beworbenen Marke das Nachahmungsbedürfnis und die Markenbindung stärkt – selbst trotz der offensichtlichen Künstlichkeit des Modells. Dies deutet darauf hin, dass der Vermittlungsmechanismus nicht nur bei realen Personen wirkt: Die wahrgenommene „Vollkommenheit“ des Modells, sei es eine Person, eine Figur oder ein Avatar, genügt, um ihn auszulösen.
Kritik der Theorie
Girards Konzeption fand weite Verbreitung, wurde aber auch ernsthaft kritisiert. Der Hauptkritikpunkt betrifft ihre Totalität: Die Behauptung, alle Wünsche seien mimetisch, lässt sich empirisch schwer überprüfen und lässt keinen Raum für Wünsche, die aus biologischen Bedürfnissen oder direkten Sinneserfahrungen entstehen.
Kritiker haben zudem darauf hingewiesen, dass Girard seine Theorie primär auf literarische Quellen und nicht auf systematische Daten stützt. Literatur wählt und betont Konflikte – das ist ihre künstlerische Funktion; die Logik literarischer Figuren auf das menschliche Begehren als Ganzes zu übertragen, bedeutet womöglich, die Besonderheit eines Genres mit einer Eigenschaft der Realität zu verwechseln.
Letztlich beschreibt die Theorie des mimetischen Begehrens primär den motivationalen Aspekt – warum Menschen etwas begehren. Sie bietet keinen detaillierten psychologischen Mechanismus dafür, wie Imitation konkret auf neuronaler oder kognitiver Ebene realisiert wird. Sie bleibt somit ein konzeptionelles Rahmenwerk, kein experimentelles Modell.
Theorie und Spiegelneuronen
Mehrere Forscher haben Parallelen zwischen Girards Mimesis und der Entdeckung der Spiegelneuronen in den 1990er Jahren gezogen. Diese ursprünglich bei Makaken entdeckten Neuronen werden sowohl bei der Ausführung als auch bei der Beobachtung einer Handlung aktiviert und bilden so eine neurobiologische Grundlage für die Imitation. Ein direkter Zusammenhang zwischen Spiegelneuronen und mimetischem Verlangen im Sinne Girards konnte jedoch nicht nachgewiesen werden: Die Neuronen erklären die motorische Imitation, während Girard von der Aneignung des Verlangens als motivationalem Zustand spricht. Dies sind grundlegend unterschiedliche Analyseebenen.
Metaphysik der Identität und des Begehrens
Hinter den psychologischen und soziologischen Anwendungen der Theorie verbirgt sich eine tiefgreifende philosophische Frage nach der Identität. Wenn Begehren nicht ursprünglich „mein“ ist, sondern von einem anderen übernommen wird, wer bin dann „ich“? Girard sah darin keinen Grund für Nihilismus: Die Anerkennung des mimetischen Charakters des Begehrens bedeutet nicht, dass es unwirklich ist. Begehren, die von wichtigen Bezugspersonen übernommen werden und Teil der eigenen Lebensgeschichte werden, sind durchaus real.
Girard unterschied zwischen „opferhafter“ Nachahmung – der Reproduktion der Wünsche eines Rivalen, die zu einer Eskalation des Konflikts führt – und einer Nachahmung, die sich an Vorbildern orientiert, welche die Rivalität transzendieren. Er sah die Imitatio Christi – die Nachahmung Christi – als Beispiel für solch unverfälschte Mimesis: ein Vorbild, das nicht zum Rivalen wird, weil es grundsätzlich nicht dieselben „Objekte“ beansprucht wie das Subjekt.
Autonomie und Abhängigkeit des Begehrens
Zeitgenössische Forscher in der Tradition Girards stellen die Frage nach der Möglichkeit einer „wünschenswerten Autonomie“ – der Entstehung von Wünschen, die zwar durch Beobachtung anderer angeregt werden, aber einer persönlichen Reflexion unterliegen und ihre eigene Rechtfertigung erlangen. Hier knüpft Girards Theorie an Harry Frankfurts Konzept des „zweiten Wunsches“ an: Eine Person erlebt nicht nur Wünsche erster Ordnung (X zu wollen), sondern bewertet sie auch (ob ich möchte, dass dieser Wunsch existiert). Das Bewusstsein für den mimetischen Charakter des Wunsches schafft eine Distanz, aus der heraus eine Person beurteilen kann, ob es sich lohnt, diesem Wunsch nachzugehen.
Politische und historische Anwendungen
Girardsche Ideen wurden zur Analyse nationalistischer Bewegungen, geopolitischer Rivalitäten und kollektiver Gewalt angewendet. Die Dynamik zwischenstaatlicher Konflikte, in denen sich die Parteien gegenseitig in ihrer Aggression bestärken, lässt sich gut durch den Mechanismus der doppelten Vermittlung beschreiben: Jede Seite begehrt, was die andere begehrt, betrachtet sie aber gleichzeitig als Haupthindernis. Wettrüsten, Handelskriege, sportliche Rivalitäten – in all diesen Fällen wird das eigentliche Ziel (Sicherheit, Wohlstand, Sieg) allmählich von der Logik der Rivalität selbst verdrängt.
Peter Thiel, ein Unternehmer und Girards Student in Stanford, wandte die mimetische Theorie auf die Analyse des Wettbewerbs in der Wirtschaft an. Er argumentierte, dass Startups oft scheitern, weil sie blind die Ziele ihrer Konkurrenten kopieren – also denselben Markt besetzen, dieselben Kunden gewinnen und ein ähnliches Produkt anbieten wollen – , anstatt unbesetzte Nischen zu suchen. Mimetische Rivalität zerstört den Wert, den beide Konkurrenten zu erschließen versuchen.
Anwendung in der Psychotherapie
Ughurlyan entwickelte einen Ansatz, den er „interdividuelle“ oder „mimetische“ Psychotherapie nannte. Seine Methode besteht darin, die „Knotenpunkte“ des mimetischen Konflikts zu identifizieren – jene Momente, in denen sich Rivalität verfestigt und chronisch geworden ist. Der Therapeut hilft dem Patienten, den Vermittler seiner Wünsche zu erkennen und zu verstehen, ob dieser Wunsch tatsächlich sein eigener ist.
Ugurlian beschrieb einen klinischen Fall, in dem eine Ehefrau, deren Interesse an ihr nachließ, seine Aufmerksamkeit zurückgewinnen konnte, indem sie eine Wettbewerbssituation simulierte: Sie schuf das Bild einer anderen Frau als potenzielles „Äquivalent“. Der Mechanismus ist hier rein Girardianisch: Das Interesse des Ehemanns an dem Objekt (seiner Ehefrau) stieg genau dann an, als das Objekt „für eine andere begehrenswert“ wurde, was den mimetischen Charakter des Begehrens im klinischen Kontext bestätigt.
Girard im Kontext der westlichen Philosophie
Girards Theorie tritt in einen impliziten Dialog mit mehreren bedeutenden philosophischen Traditionen. Sie knüpft an Hegel durch die Herr-Knecht-Dialektik an: Demnach ist die Anerkennung des Anderen auch eine Bedingung für Selbstbewusstsein und somit für Begehren. Sie knüpft an Freud durch die Betonung der unbewussten Natur der Verhaltensmechanismen an. Sie knüpft an Nietzsche durch dessen Analyse des Grolls als einer verkehrten, vergifteten Bewunderung an. Girard argumentierte jedoch mit Nietzsche, da er dessen Analyse für unvollständig hielt und selbst der Bewunderung für Macht verfallen war.
Girards Theorie deckt sich auch mit Alexis de Tocquevilles Überlegungen zur Demokratie. Tocqueville beobachtete, dass Chancengleichheit den Neid nicht verringert, sondern vielmehr verstärkt: Werden formale Unterschiede zwischen Menschen beseitigt, wird selbst die geringste tatsächliche Ungleichheit umso stärker wahrgenommen. Dies entspricht genau Girards Logik: Interne Vermittlung – und die damit verbundene Rivalität – intensiviert sich genau dort, wo sich Subjekt und Vermittler als gleichwertig wahrnehmen.
Girard und Dostojewski
Dostojewski, den Girard als den tiefgründigsten Analytiker des mimetischen Begehrens in der Literatur betrachtete, nimmt in seinem Werk eine besondere Stellung ein. Dostojewskis Figuren – von den „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ bis zu den „Brüdern Karamasow“ – veranschaulichen den Mechanismus der inneren Vermittlung in seinen extremsten Ausprägungen: Der Untergrundheld beneidet seinen Peiniger und sehnt sich zugleich nach dessen Anerkennung; Rogoschin und Myschkin teilen dasselbe Verlangen und werden einander zum Spiegel. Girard sah darin nicht nur ein künstlerisches Stilmittel, sondern auch einen Beleg für die Natur menschlicher Beziehungen.
Theorie im akademischen Kontext
Obwohl Girards Konzept seinen Ursprung in der Literaturkritik hat, wurde es in verschiedenen Disziplinen weiterentwickelt. Das 1990 gegründete Kolloquium zu Gewalt und Religion (COV&R) vereint Forschende der mimetischen Theorie, von Anthropologen bis zu Theologen. Die Fachzeitschrift „ Contagion: Journal of Violence, Mimesis, and Culture“ veröffentlicht Arbeiten an der Schnittstelle von Sozialwissenschaften, Philosophie und Religionswissenschaft.
In der Wirtschaftspsychologie wird das Konzept des mimetischen Begehrens genutzt, um Herdenverhalten an Finanzmärkten zu erklären: Anleger kaufen ein Wertpapier oft nicht, weil sie dessen fundamentale Eigenschaften selbstständig geprüft haben, sondern weil sie sehen, dass andere – die sie als kompetente Vermittler wahrnehmen – es bereits kaufen. Dadurch entstehen Blasen, in denen der Preis eines Wertpapiers proportional zur Intensität des mimetischen Begehrens steigt, anstatt zu seinem tatsächlichen Wert.
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