„Text“ von Dmitry Glukhovsky, Zusammenfassung
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Dieser 2017 erschienene, realistische Psychothriller verlagert den Fokus der menschlichen Persönlichkeit in die digitale Welt. Ein Smartphone wird zum umfassenden Speicher für Erinnerungen, Sünden und Geheimnisse eines verstorbenen Helden. Eine digitale Spur ersetzt die wahre Seele eines lebenden Menschen.
Das Werk erntete breite Anerkennung und wurde erfolgreich verfilmt. Regisseur Klim Shipenko drehte 2019 einen gleichnamigen Spielfilm, der auf dem Buch basiert. Der Film gewann renommierte russische Filmpreise, darunter den Goldenen Adler.
Rückkehr nach Hause
Ilya Goryunov kehrt nach sieben Jahren in der Hochsicherheitsstrafanstalt Solikamsk nach Lobnya bei Moskau zurück. Das Gericht hatte ihn fälschlicherweise wegen Drogenhandels verurteilt. Im Gefängnis lernte Ilya, in einem harten Umfeld zu überleben. Fleißig zeichnete er Zeitungen für die örtliche Verwaltung. Offene Konfrontationen mit den Justizbehörden vermied er um jeden Preis. Seine Mutter drängte ihn telefonisch, zu schweigen und sich nicht mit dem Gefängnissystem anzulegen. Ilya hoffte auf Bewährung. Eines Tages verlangte der Gefängnisdirektor von ihm, eine üble Denunziation eines anderen Gefangenen zu verfassen. Der junge Mann weigerte sich kategorisch, seinen Mitgefangenen zu verraten. Wegen dieser ehrlichen Tat wurde ihm die vorzeitige Entlassung verweigert. Er verbüßte seine Strafe vollständig.
Die Vorfreude auf ein lang ersehntes Familientreffen wird von einer schrecklichen Tragödie überschattet. Ilja findet seine Mutter tot auf. Eine Nachbarin bestätigt ihren plötzlichen Tod durch einen Herzinfarkt, nur zwei Tage vor der Ankunft ihres Sohnes. Die Wohnung empfängt ihn mit Leere und Kälte. Ilja saß wegen eines alten Vorfalls im Moskauer Nachtclub „Paradies“ im Gefängnis. Vor sieben Jahren hatte der Philologiestudent seine Freundin Vera mutig gegen die Übergriffe eines jungen Drogenfahnders verteidigt. Der Beamte hieß Pjotr Chasin. Der rachsüchtige Chasin hatte dem Studenten kaltblütig Kokain in die Winterjackentasche gesteckt. Ein Moskauer Gericht fällte ein hartes Urteil: schuldig. Vera wartete nicht geduldig auf den Verurteilten.
Zuhause ruft Ilja seinen ehemaligen Freund Sergei an. Sergei kommt zu Besuch, verhält sich aber äußerst distanziert. Er klagt über familiäre Probleme, Schulden und einen kürzlichen Urlaub im Ausland. Schüchtern vermeidet Sergei den Blickkontakt mit dem kürzlich Verurteilten. Ilja spürt eine tiefe Kluft zwischen ihnen. Sein Freund verschwindet fluchtartig unter dem fadenscheinigen Vorwand, sein Kind sei krank. Der frisch entlassene junge Mann findet sich in eiskalter Isolation wieder. Er hat keine Angehörigen mehr, keine beruflichen Perspektiven, keinen Sinn mehr im Leben.
Das Leben eines anderen auf einem Smartphone
Verzweiflung und starker Alkoholrausch gehen schnell ineinander über. Ilya nimmt schweigend das Küchenmesser seiner verstorbenen Mutter. Er macht sich auf den Weg nach Moskau, zur Trekhgornaya-Manufaktur. Ilya will Khazin finden und sich seinem Feind stellen. In einer dunklen Gasse zwischen leerstehenden Backsteinhäusern kommt es zu einer zufälligen Begegnung. Der Ex-Häftling sticht dem Major plötzlich in den wehrlosen Hals. Die Stichwunde ist sofort tödlich. Hastig versteckt Ilya die Leiche des Polizisten in einem tiefen Gullyschacht. Er nimmt dessen Dienstpistole, eine Makarov, und sein Smartphone an sich.
Das Telefon wird zu einem mystischen Portal in eine fremde Realität. Ilya entschlüsselt sorgfältig das Passwort anhand von Khazins blutigen Fingerabdrücken. Besessen studiert er den umfangreichen Inhalt des Geräts. Es speichert sicher persönliche Korrespondenz, intime Fotos, Videoaufnahmen und Arbeits-Audiodateien. Gierig liest Ilya Nachrichten von Khazins Eltern, seiner Freundin Nina und korrupten Kollegen. Der Flüchtige beschließt, sich mit List etwas Zeit zu verschaffen. Dreist antwortet Ilya Anrufern als Pyotr und imitiert gekonnt dessen unverwechselbaren Kommunikationsstil. Er verwendet die Lieblings-Emojis und die rüden, abrupten Ausdrücke des zynischen Majors.
Das digitale Archiv enthüllt unerbittlich die dunklen Geheimnisse des neuen Machthabers. Pjotr Chasin spielte ein gefährliches Doppelspiel. Er verkaufte beschlagnahmte Drogen ungestraft und konsumierte selbst Kokain. Zuvor hatte Pjotr eine langjährige Beziehung mit Ksenia, der Tochter eines einflussreichen stellvertretenden Ministers. General Chasin setzte große Hoffnungen in diese karrierefördernde Ehe. Pjotr machte Ksenia schnell von reinem Kokain abhängig. Schon bald landete sie zur Zwangsbehandlung in einer geschlossenen Klinik. Feige verließ Pjotr sie für Nina. Der General war über diese unüberlegte Handlung außer sich vor Wut. Er versuchte, seinen Sohn gewaltsam von seiner neuen Flamme zu trennen. Pjotr rächte sich auf niederträchtige Weise an seinem eigenen Vater. Er zeichnete heimlich ein kompromittierendes Gespräch in der Sauna des Ministeriums auf. Der Major gab diese skandalöse Aufnahme an seine Führungsoffiziere beim Geheimdienst weiter. Sein Vater wurde schändlich entlassen, während Pjotr seine komfortable Position ungestört behielt.
Auch Pjotrs Beziehung zu Nina war von Lügen geprägt. Nina liebte den Major aufrichtig, doch sie war seiner ständigen Untreue und grundlosen Grausamkeit überdrüssig. Plötzlich war sie von Khazin schwanger. Heimlich ließ sie sich in die Klinik einweisen und bereitete sich innerlich auf einen Schwangerschaftsabbruch vor. In der zaghaften Hoffnung auf verbale Unterstützung schrieb sie Pjotr, doch der tote Absender schwieg beharrlich. Ilja las aufmerksam ihre verzweifelten Nachrichten. Er empfand tiefes Mitleid mit dem unbekannten Mädchen. Ilja schrieb Nina aufmunternde Worte und riet ihr entschieden von einem Abbruch ab. In einer E-Mail, im Namen des reumütigen Pjotr, machte er ihr den lang ersehnten Heiratsantrag. Überglücklich entkam Nina der Klinik. Sie war fest entschlossen, ihr Kind zu behalten.
Tödliches Geschäft
Gleichzeitig plant Ilja ein hochriskantes Finanzgeschäft. Er findet über die Korrespondenz einen Arbeitskontakt zu einem Drogenhändler namens Magomed. Ilja will die Drogen aus einem Versteck holen und sie gewinnbringend an Leute aus dem Kaukasus verkaufen. Er braucht das Geld dringend, um seiner Mutter eine würdevolle Beerdigung zu ermöglichen. Mit dem restlichen Geld will er unbedingt einen gefälschten Pass kaufen. Ein Versuch, sich von Sergej 50.000 Rubel für die Dokumente zu leihen, scheitert. Sergejs Frau verbietet ihrem Mann kategorisch, einem Kriminellen Geld zu leihen. Ilja wird sich seiner tiefen Einsamkeit in seiner Heimatstadt bewusst. Ein Reisebüro erklärt sich bereit, ihm für 50.000 Rubel in bar gefälschte Dokumente auszustellen. Ilja träumt sehnsüchtig davon, ins ferne Kolumbien zu fliegen. Dort will er ein neues Leben beginnen.
Ilya beschließt, einen Teil der gefundenen Drogen zu verkaufen. Er vereinbart ein kurzes Treffen mit Pjotrs altem Freund Gosha. Gosha kauft bereitwillig sechs Gramm Kokain zu einem guten Preis. Ilya freut sich über das leicht verdiente Geld. Doch am Abend erfährt er eine schreckliche Nachricht: Gosha stirbt plötzlich an einer akuten Überdosis in einer Karaoke-Bar. Ilya ist entsetzt, als er erkennt, dass er direkt für den Tod eines Menschen verantwortlich ist. Ihm wird glasklar klar, dass das Handy eines anderen nichts als Leid und blutige Zerstörung verbreitet. Jede gesendete Nachricht löst eine neue Kette unumkehrbarer Tragödien aus.
Erschöpft von Schlaflosigkeit schläft Ilya in einer U-Bahn ein. Er hat einen lebhaften, realistischen Traum. Er ist mit Nina im Flugzeug. Zärtlich legt sie seine Hand auf ihren Bauch. Sie nennt ihn Petya. Ilya sieht im Spiegelbild des Fensters ein fremdes, gepflegtes Gesicht. Sie fliegen nach Südamerika. Das Erwachen ist unsanft. Eine Polizeistreife weckt Ilya brutal in einem leeren Waggon an der Endstation. Der Flüchtige entgeht nur knapp einer Personalkontrolle und Verhaftung.
Ilja nimmt von seinem schüchternen Kollegen Igor vertrauliche Informationen über ein großes Geldversteck entgegen. Er fährt zum vornehmen Präsidentenhotel zu einem Geschäftstreffen mit Käufern. Magomeds bärtige Männer überreichen ihm eifrig ein dickes Paket. Zweihundertfünfzigtausend Euro sind darin dicht gepackt. Eine unvorstellbar große Summe Bargeld. Ilja könnte damit problemlos den Sarg seiner Mutter bezahlen, ihren Pass an sich nehmen und für immer verschwinden. Das Dokument, ausgestellt auf den Namen Ilja Gorenow, wurde bereits erfolgreich im Passamt bearbeitet. Die Freiheit im Süden scheint für Ilja zum Greifen nah.
Erlösung und Angriff
Dem Flüchtling wird schnell die Tragweite seiner digitalen Täuschung bewusst. Sollte Khazin die versprochenen Drogen nicht an die Käufer ausliefern, werden die Weißen unweigerlich Rache üben. Sie kennen Ninas Adresse genau. Die Banditen werden sie wegen Pjotrs Spielschulden brutal ermorden. Ilja kann Nina nicht kaltblütig für sein eigenes Überleben opfern. Trotzig kehrt er in die Marmorlobby des Hotels zurück. Kühn übergibt Ilja das Euro-Paket Magomeds bewaffnetem Assistenten. Er erklärt unumwunden, dass der Deal aufgrund Khazins Tod endgültig geplatzt ist.
Ilja sendet seine letzten Abschiedsnachrichten. Er schreibt ausführlich an General Chasin im Namen seines ermordeten Sohnes. Ilja versöhnt den toten Pjotr posthum mit seinem strengen Vater. Er erzählt dem gebrochenen alten Mann von seinem zukünftigen Enkel und bittet ihn eindringlich, sich um Nina zu kümmern. Schließlich zerstört Ilja Chazins Handy in einem kalten Abwasserkanal. Das digitale Leben des Majors endet für immer. Ilja geht in die Leichenhalle des Krankenhauses, um seine verstorbene Mutter zu besuchen. Er nimmt still in dem kalten Keller Abschied von ihr. Er hat kein Geld für eine aufwendige Beerdigung. Seine Mutter wird in einem schlichten, namenlosen Stadtgrab beigesetzt.
Ein einsamer Mann kehrt in seine alte Wohnung in Lobnja zurück. Er wärmt die Kohlsuppe vom Vortag auf und schaltet mechanisch den Fernseher ein. Die Lokalnachrichten berichten über die Leiche eines Polizisten, die auf dem Gelände der Trekhgornaja-Manufaktur gefunden wurde. Der Ermittlungsring um die Wohnung zieht sich rasch zusammen. Streifenwagen stehen dicht geparkt vor dem heruntergekommenen Eingang. Soldaten der Spezialeinheit versperren den Zugang. Langsam zieht Ilja seine erbeutete Makarov-Pistole heraus. Er feuert laut durch das offene Küchenfenster. Sicherheitskräfte starten einen Großangriff auf die Wohnung. Ilja versucht verzweifelt, sich zu erschießen, doch seine alte Dienstwaffe versagt. Die Spezialeinheit tötet Ilja Gorjunow während des Angriffs.
Ilya stirbt im kalten November 2016. Mutter und Sohn werden Seite an Seite beerdigt, die Kosten dafür werden vom Staat bescheiden getragen. Nina bringt eine gesunde Tochter zur Welt. Die Welt dreht sich weiter, gleichgültig. Manchen bleiben bleibende, kostbare Erinnerungen, während andere schnell in völliger, ohrenbetäubender Vergessenheit versinken.
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