„Russische Blumen des Bösen“ von Viktor Erofeev, Zusammenfassung
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Dieses 1997 erschienene Buch versammelt wegweisende Texte der russischen Prosa des späten 20. Jahrhunderts. Die russische Literatur wendet sich hier radikal gegen den klassischen Humanismus und den Glauben an die Menschheit. Die Prosa erkundet die Elemente der Zerstörung, des Absurden und die Abgründe des menschlichen Daseins. Der Herausgeber wollte die quälende Krise des russischen Denkens vermitteln, die die Ästhetik der Empörung und des Schocks hervorgebracht hat.
Camp-Erlebnis und soziale Absurdität
In Warlam Schalamows Erzählung „Typhusquarantäne“ wird der Gefangene Andrejew in einem überfüllten Durchgangslager festgehalten. Um dem sicheren Tod in den Goldminen von Kolyma zu entgehen, täuscht er geschickt Krankheit vor, versteckt sich vor seinem Aufseher und wartet ab. Andrejew entdeckt Hauptmann Schneider, ein ehemaliges Komintern-Mitglied, der nun bereitwillig den Unterweltbossen auf den Fersen ist. Andrejews riskantes Vorgehen gelingt: Als wertvoller Gerber getarnt, wird er einem leichteren Auftrag in der Nähe zugeteilt und entgeht so dem sicheren Tod.
Andrej Sinjawskis „Die goldene Spitze“ basiert auf einem sinnlosen Dialog, der abgedroschene Phrasen aus Lehrbüchern aneinanderreiht. Anonyme Gesprächspartner tauschen kurze, absurde Bemerkungen über Stiefel, Adler, silberne Kronleuchter und goldene Schnürsenkel aus. Die Handlung verliert hier völlig ihre gewohnte Logik und offenbart die erschreckende Leblosigkeit der Amtssprache sowie die Unmöglichkeit normaler menschlicher Kommunikation.
In seiner Kurzgeschichte „Ljudochka“ schildert Viktor Astafjew die gnadenlose Tragödie eines schüchternen Mädchens vom Land. In einer Kleinstadt angekommen, arbeitet sie als Friseurlehrling und findet Zuflucht bei der strengen Gawrilowna. Ljudochka gerät zufällig in den schmutzigen, verlassenen Park von Wepjewerze, wo sie von einem skrupellosen Verbrecher namens Strekach brutal vergewaltigt wird. Da sie weder bei ihrer gleichgültigen Mutter noch bei ihrer Vermieterin Schutz findet, erhängt sich die gebrochene Ljudochka mit einem alten Seil. Ihr Stiefvater verlässt stillschweigend das Haus während der Totenwache, findet Strekach, schlägt ihn brutal zusammen und wirft ihn widerlich in einen stinkenden Abwasserkanal.
In Juri Mamlejews Roman „Das Notizbuch eines Individualisten“ quält der Held Sascha seine Frau Sina auf pathologische Weise mit endlosen Gesprächen über den Tod und ergötzt sich an ihrer Urangst. Er unterhält sich mit einem mysteriösen, jenseitigen Besucher, Juri Arkadjewitsch, der mystischen Solipsismus predigt. Der Held findet höchste Befriedigung darin, Moskaus schmutzige Friedhöfe zu besuchen. Sascha rennt Särgen hinterher und verfällt in einen wahnsinnigen Rausch, delirierend erfreut darüber, dass er lebt und andere tot sind.
Der Kampf ums Überleben und um Kompromisse
In seinem Text „Mit einer Tasche“ schildert Friedrich Gorenshteyn die alte Awdotjuschka, die sich täglich in den Warteschlangen des Supermarkts einen brutalen Kampf liefert. Im Laden liest ein intellektueller Metzger lautstark Gedichte Puschkins der ungestümen Schlange vor. Später wird Awdotjuschka von wütenden Kunden umgestoßen, bricht sich die Knochen und landet im Krankenhaus. Dort teilt sie sich ein Zimmer mit dem Intellektuellen Fischelewitsch, der ihr aus einem Buch über köstliches Essen vorliest. Plötzlich erhält sie von dem rauen, tätowierten Gehilfen Terentij ein Paket mit Äpfeln und Lebkuchen.
Ein Journalist von Sergei Dovlatovs „Kompromiss Nr. 5“ sucht in einer Tallinner Geburtsklinik nach dem perfekten Baby, das den Ehrenplatz als 400.000ster Einwohner der Stadt einnehmen soll. Aus ideologischen Gründen lehnt der Redakteur von „Turonki“ ein äthiopisches Kind und den Sohn eines jüdischen Mannes namens Boris Shtein ab. Die Wahl fällt schließlich auf den Sohn eines trinkfesten Arbeiters namens Kuzin. Der Journalist besticht den Vater mit 25 Rubel, damit dieser seinem Sohn den alten Namen Lembit gibt. Anschließend betrinken sich die beiden mit kubanischem Rum im leeren Restaurant „Cosmos“.
Venedikt Erofeevs Romanfigur („Wassili Rosanow aus der Sicht eines Exzentrikers“), die mit drei Pistolen am Rande des Selbstmords steht, leiht sich von ihrem Apothekerfreund Pawlik Schierling und drei Bände des reaktionären Philosophen Rosanow. Die Lektüre von Rosanows ätzenden, paradoxen und doch zutiefst aufrichtigen Zeilen heilt ihn von seiner tiefen Verzweiflung. Im Morgengrauen geht er hinaus und verspürt unter den flackernden Tierkreiszeichen eine seltsame spirituelle Erleichterung.
Illusionen, Attraktionen und Angst
In Valery Popovs Roman „Tigerliebe“ bittet der Protagonist einen alten Bekannten, Phil, der inzwischen ein angesehener Bauunternehmer ist, seine kaputte Wohnungstür zu reparieren. Phil schleppt den Protagonisten durch die Trümmer des Gebäudes und zwingt ihn, knappe Toiletten und Tapeten für einen Kindergarten zu schleppen. Schließlich steckt Phil zynisch das Geld des Protagonisten ein und verschwindet mit seiner widerspenstigen Sekretärin Irina, um Wodka zu trinken. Die Reparaturen werden schließlich von ganz anderen Arbeitern zum halben Preis ausgeführt.
In seinem Essay „Ängstliche Puppe“ vergleicht sich Sasha Sokolov lyrisch mit einer Motte, die sich aus einer Zwangsjacke befreit hat. Der Text ist von komplexer Sprache durchdrungen, verwebt Realität und Traum, und die Arbeit des Schriftstellers wird mit der eines machtlosen Leichenhallenmitarbeiters verglichen. Der Protagonist sinniert ausführlich über die Grenzen menschlicher Freiheit und die schwierige Liebe zur Muttersprache und fleht den Himmel an, die ruhelosen Schöpfer auf ihrem düsteren und doch erhabenen Flug über den Abgrund zu beschützen.
Evgeny Kharitonovs Figur („Ofen“) erzählt die Geschichte eines Mannes, der von der Schönheit des jungen Schwimmers Mischa besessen ist. Stundenlang streift er durch Mischas Datscha, lernt Gitarre spielen, um sich kurz mit ihm unterhalten zu können, und lernt dessen einfältigen Freund Sergei und dessen hochmütige Schwester Olga kennen. Alle Hoffnungen auf eine Annäherung werden jäh zerstört: Die Familie packt plötzlich ihre Sachen und fährt in die Stadt, sodass er allein mit der leeren Datscha im strömenden Herbstregen zurückbleibt.
Eduard Limonovs Romanfigur („Der Nachtschwärmer“) irrt nachts ziellos durch New York. Nachdem ihn eine hochmütige Jazzsängerin abgewiesen hat, kauft er Schweinefleisch und eine Flasche Portwein. Er lässt sich unter einer riesigen Kiefer im Central Park nieder. Plötzlich taucht aus der Dunkelheit ein stummer Wahnsinniger mit einem riesigen Hackmesser auf. Ein urtümlicher Selbsterhaltungstrieb zwingt den Helden, langsam und ruhig den Park zu verlassen und so dem sicheren Tod durch die Hand eines wahnsinnigen Minotaurus zu entkommen.
Die Ironie des Schicksals und der Tod der Form
In Wjatscheslaw Petsuchs Roman „Der Krieg zwischen Zentral- und Jermolajew“ eskaliert ein lächerlicher Streit zwischen Papa Carlo und Pjotr Jermolajew um ein im Lotto gewonnenes Motorrad zu einer blutigen Schlägerei zwischen zwei Dörfern. Molotowcocktails fliegen, ein alter Billardtisch im Gemeindehaus brennt, und Jugendliche foltern den Viehzüchter Abljasow brutal mit glühenden Zangen. Die sinnlose Fehde endet erst nach einer furchterregenden Sonnenfinsternis, die die Rowdys zur Vernunft bringt.
Nina, die Protagonistin aus Tatjana Tolstajas Erzählung „Der Dichter und die Muse“, nimmt den verarmten Hausmeister und Dichter Grishunya bei sich auf. Sie verjagt ihn barsch, seine ausgelassenen, bohemischen Freunde, den seltsamen Tungus und die verrückte Künstlerin Lisaveta, und zwingt Grishunya, ernste Gedichte für den einflussreichen Beamten Makushkin zu schreiben. Der willensschwache Dichter rächt sich auf eigentümliche Weise: Er verkauft sein Skelett für sechzig Rubel an die Akademie der Wissenschaften. Nina muss sich damit abfinden, dass die Asche ihres Mannes nun Staatseigentum ist.
Jewgeni Popow („Wie sie einen Hahn aßen“) zeichnet ein farbenfrohes Porträt des ehemaligen Häftlings Nikolai Jefimytsch und seiner gehörlosen Frau Jelena. Am Silvesterabend schärft der trinkfeste Ehemann in der Fabrik fleißig einen Lagerring zu einem Messer, um seine geizige Frau brutal zu erstechen. Als er nach Hause kommt, findet er Wodka und einen gekochten Hahn auf dem Tisch, die seine Frau lange und hartnäckig versteckt hatte. Das Paar betrinkt sich bis zur Besinnungslosigkeit und versöhnt sich für immer.
Anatoli Gawrilow („Die Geschichte des Majors Siminkow“) beschreibt in seinem Roman „Die Geschichte des Majors Siminkow“ mit nüchterner Miene den tiefen Fall eines tadellosen Offiziers. Ein brillanter Major mit einem silbernen Zigarettenetui verliert ein geheimes Paket. In einem Anfall von Paranoia steigt er, in silbernem Anzug und mit Gasmaske, persönlich in eine stinkende Jauchegrube hinab. Das im Abwasser gefundene Papier entpuppt sich als einfache Bedienungsanleitung für einen Kartoffelschäler, doch der unglückliche Offizier verliert endgültig den Verstand und quittiert den Dienst.
Grausamkeit, Wahnsinn und das Ende eines Imperiums
Wladimir Sorokins „Fabrikkomiteesitzung“ beginnt mit einer routinemäßigen Untersuchung der Verfehlungen eines betrunkenen Fräsmaschinenbedieners namens Piskunow. Simakova, Swjaginzewa und Chochlow lesen langweilige Betriebsberichte. Plötzlich betritt ein Polizist mit einem Cellokasten den Raum und brüllt wirres Zeug. Die Mitglieder des Fabrikkomitees reißen einer Putzfrau die Kleider vom Leib, rammen ihr fünf Metallrohre in den Körper und stopfen die Wunden eifrig mit Grabwürmern voll. Diese rasende Aktion gipfelt darin, dass Swjaginzewa sich in den Mund schießt.
Dmitry Prigov führt in seinem Buch strenge begriffliche Listen ein. „Das Spiel der Ränge“ legt strikte Regeln für einen absurden hierarchischen Aufstieg fest, der auf der Lektüre klischeehafter Texte über Puschkin und Gorki basiert. „Beschreibung der Gegenstände“ seziert methodisch ein Ei, ein Kissen, eine Sense und ein Rad und verwirft gnadenlos deren historische Interpretationen. „Rechnet mit dem Leben ab“ berechnet akribisch die spirituellen Freuden von Essen und Gesprächen in den Museen Kopenhagens und Londons in präzisen Geldwerten.
Lev Rubinstein nutzt meisterhaft das strenge Format eines Bibliothekskatalogs. Der Text von „Mama Washed the Frame“ besteht aus 83 fragmentarischen Sätzen und kurzen Erinnerungen an eine verstorbene Großmutter, seltsame Nachbarn und Ängste aus der Kindheit. Das Werk „Six-Winged Seraphim“ hält nüchtern 103 Zeilen namenloser Figuren fest und erzeugt so ein dichtes, greifbares Summen belauschter Alltagsgespräche ohne Anfang und Ende.
Halluzinationen und Erkenntnisse
In Yulia Kisinas Erzählung „Der Flug einer Taube über den Schlamm der Phobie“ leidet ein Mädchen namens Peggy unter schweren psychedelischen Episoden. Sie träumt von einem gefrorenen Salzmeer, einem endlosen Museum toter Zwerge in Schweden und einem absurden Gespräch mit einem jungen Hitler über eine tote Maus. In Trance begeht sie mit erschreckender Konstanz brutale Verbrechen. Schließlich verurteilt das Gericht Peggy zum Tode durch Erschießen.
Igor Jarkewitsch („Solschenizyn oder die Stimme aus dem Untergrund“) überlässt einem neidischen und jämmerlichen Selbstbefriediger das Wort. Petja Bljudskis Figur träumt verzweifelt davon, Alexander Solschenizyn zu werden, literarischen Ruhm zu erlangen, die grenzenlose Sympathie der Nation zu gewinnen und die leidenschaftliche Liebe der Frauen zu erobern. In Wirklichkeit bleibt er für immer in seiner grauen Leere gefangen, neben seiner kaputten Uhr und seinem kalten Tee.
Viktor Pelevin („Die Kristallwelt“) verlegt die Handlung ins eisige Petrograd am Vorabend des Oktoberaufstands. Die Kadetten Nikolai und Juri bewachen die dunkle Schpalernaja-Straße. Unter dem Einfluss von reinem Kokain und Ephedrin aus Ampullen diskutieren sie Spenglers Texte und den mystischen Schutz der alten Welt. Indem sie den gerissenen Arbeiter Eino Reichja mit seinem gelben Limonadenwagen passieren lassen, ermöglichen sie unwissentlich dem bolschewistischen Führer Lenin die sichere Passage.
Die Anthologie schließt mit Viktor Erofeevs Erzählung „Die Macht des Hinrichtungsplatzes“. Es ist ein aggressives Mosaik aus Erinnerungen an eine sowjetische Kindheit in Paris, Begegnungen mit den hochgewachsenen Tanja und Katja, Kämpfe mit Rowdys und die Qualen körperlicher Gewalt. Der Text fängt eine kalte Feindseligkeit gegenüber der harten Realität Moskaus ein. Die Stadt wird als ein gewaltiger, weiblicher Unterdrückungsmechanismus dargestellt, der die Fähigkeit zum freien Denken des Menschen erstickt.
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