Eine Zusammenfassung von „Die Entführung der Europa“ von Jewgeni Wodolazkin
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„Die Vergewaltigung Europas“ ist Evgeny Vodolazkins Debütroman, der 2003 im Münchner Verlag Zwillinger Brothers auf Deutsch und später auf Russisch erschien. Er schildert etwa ein Jahr im Leben des zwanzigjährigen Deutschen Christian Schmidt – eine Zeit, die er als sein „vergangenes Leben“ bezeichnet. Der in der Ich-Perspektive verfasste Roman ist als persönliche Erinnerung angelegt und trägt den Untertitel „Die Geschichte von Christian Schmidt, erzählt von ihm selbst“. Ein bemerkenswertes Stilmittel ist die Rahmenerzählung: Christian schreibt seine Memoiren aus einer Position heraus, in der er „in seiner Bewegung eingeschränkt“ ist und auf die Ereignisse zurückblickt, die zu dieser Situation geführt haben.
Christian Schmidt und sein Doppelgänger
In den einleitenden Kapiteln führt der Erzähler den Leser in die Geschichte seines Erwachsenwerdens ein. In seiner Kindheit und Grundschulzeit war er ein völlig unauffälliges Kind – unbeholfen, verschlossen und unscheinbar. Stundenlang stand er im Schulflur, an die Eichenholzvertäfelung gelehnt, und niemand sprach ihn an. Das Einzige, was ihn auszeichnete, waren seine Schulaufsätze: Verzweigte Nebensätze im Geiste der deutschen philosophischen Tradition veranlassten seine Lehrerin, Frau Meyer, diese als stilistische Vorbilder laut vorzulesen.
Mit fünfzehn Jahren hatte Christian eine dramatische Wandlung durchgemacht: Aus dem unscheinbaren Teenager war ein schlanker, blonder Schönling geworden. Er erlebte diese Verwandlung als das Entstehen eines zweiten Selbst – einer eigenständigen Persönlichkeit, die er innerlich sein Ebenbild nannte. Innerlich blieb der alte Schmidt – schüchtern und zurückgezogen – , doch äußerlich war er ein anderer Mensch: selbstbewusst, charmant, fähig, Beamte und Fremde gleichermaßen zu beeindrucken. Seine Schönheit befreite ihn jedoch nicht von seiner morbiden Obsession mit der Unsichtbarkeit: Seit seiner Kindheit liebte Christian es, sich unsichtbar vorzustellen, später als Passagier in einem U-Boot wie Kapitän Nemos Nautilus – und dieses Gefühl der unsichtbaren Präsenz blieb eines seiner stärksten psychischen Bedürfnisse.
Pflegeheim im Norden Münchens
Da Christian den Wehrdienst aus Gewissensgründen verweigert hat, wird er zum Ersatzdienst eingeteilt. Er zieht in eine eigene Wohnung in der Sondermeierstraße am Rande des Englischen Gartens und beginnt in einem Seniorenheim zu arbeiten. Dort entsteht eine bunte Welt von Charakteren: die strenge Heimleiterin Frau Hase, die Köchin und Haushälterin Frau Wagner und die Kunstlehrerin Frau Hoffmann mit ihren langen Beinen und den Spuren eines langen Kampfes mit dem Alter. Unter den Bewohnern sind die einbeinige Frau Kugel, die seelenruhig mit zwei Fingern eine Zigarette raucht, die ehemalige Stripperin Frau Traitinger und der Masseur Schulz mit seinem üppigen, spitzen Schnurrbart. Das tägliche Frühstück am Gemeinschaftstisch wird zu einem kleinen Theaterstück mit geistreichen Bemerkungen über das Alter, Striptease und Sanddornöl.
Zu Christians Aufgaben gehört auch die Essensauslieferung. Regelmäßig besucht er Frau Wolf, die fast neunzigjährige Witwe eines SS-Offiziers, der nach dem Krieg nach Venezuela geflohen war. Nach jeder Mahlzeit schiebt sie ihren leeren Teller beiseite und sagt immer denselben Satz: „Das Leben ist gelebt.“ Ganz anders verhält es sich mit Sarah Fainzimmer, einer siebzigjährigen Jüdin, die 1930 in München geboren wurde.
Sarah Fainzimmer
Sarahs Wohnung gleicht einem Antiquitätenladen: Geheimnisvolle Flohmarktmechanismen, Mandolinen und Apothekerwaagen stehen überall herum. Bei einer Tasse Kaffee erzählt sie Christian ihre Lebensgeschichte. Bis 1940 lebte die Familie in München; dann wurden ihre Eltern in ein Konzentrationslager deportiert – ihr weiteres Schicksal kennt sie nur aus historischen Quellen. Sarah kam mit entfernten Verwandten nach Amerika. Als Erwachsene ging sie nach Israel, kämpfte im Sechstagekrieg 1967, kommandierte einen Hubschrauberzug und wurde zweimal verwundet. Nach ihrem Ausscheiden aus der Armee kehrte sie schließlich nach München zurück – nicht aus Vergebung oder Nostalgie, sondern aus einer unwiderstehlichen inneren Logik heraus, „wie Vögel, die zu ihren trostlosen Klippen zurückkehren“.
Politischer Hintergrund
Christians Nachbar Kranz, ein kleiner Mann mit einer Bierflasche in der Hand, kommt fast jeden Abend zu Besuch und berichtet ihm mit der Präzision und dem Tonfall eines Nachrichtensprechers von den Fernsehnachrichten. Durch ihn erfährt Christian zum ersten Mal von der Kosovo-Krise und der Clinton-Lewinsky-Affäre. Der Skandal weckt unerwartet das Interesse des jungen Deutschen an Politik: Der enge Zusammenhang zwischen Sex und Macht, den er bisher für ein Hirngespinst historischer Romane gehalten hatte, wird mit unerwarteter Deutlichkeit enthüllt. Es entbrennen hitzige Gespräche über Serbien und die Albaner und darüber, was „wie immer“ geschehen wird – Krieg.
Nastya und Paris
Nastya, ein russisches Mädchen, das Christians große Liebe wird, tritt in sein Leben. Gemeinsam landen sie in Paris, wo sie Henri kennenlernen, einen energischen Franzosen mit politischen Ambitionen. Henri ist überzeugt, dass die gegenwärtige Lage in Europa dem Moment vor einer Lawine gleicht: Ein einziger Schlag genügt, um die Idee der Vereinigung in Gang zu setzen. Er schlägt die Gründung einer internationalen Organisation vor, „Junges Europa“, einer Bewegung, die verschiedene Völker und politische Kräfte um eine gemeinsame Ideologie vereint: die freiwillige Vereinigung des Kontinents.
Christian sträubt sich zunächst: Die ganze Idee scheint ihm zu weit von seiner introvertierten Art und den nächtlichen Ausflügen in die Unsichtbarkeit entfernt, die er mit Nastya unternommen hat. Henri bringt jedoch ein letztes Argument vor – kein politisches, sondern ein psychologisches: Es ist eine Chance, dem Alltag zu entfliehen, und solche Chancen bieten sich nicht wieder. Christian wechselt einen Blick mit Nastya und stimmt zu. Henri ergreift feierlich ihre Hände. „Eine Verschwörung“, schlussfolgert Nastya.
Junges Europa und Diskussionen über die Zukunft des Kontinents
Während Henri seine Pläne entfaltet, dringt Christian zum Kern des Projekts vor. Anders als die amerikanischen oder russischen Modelle, die auf Unterordnung beruhen, muss das neue Europa auf einer freiwilligen Union Gleichberechtigter errichtet werden – ohne koloniale Ansprüche oder imperialistische Logik. Ein geheimnisvoller „Prinz“ – ein europäischer Aristokrat, dessen Hände in den hitzigsten politischen Debatten auf Christians Schultern ruhen – gesellt sich zu den Gesprächen am Kamin. Der Prinz hört dem jungen Deutschen zu, der über die europäische Emanzipation spricht, und nennt es schön, „wie eine Utopie“.
Unterdessen verdichtet sich der politische Rahmen der Erzählung: Die Vorbereitungen für den Irakkrieg laufen auf Hochtouren. 2002 schickt Christian das Manuskript seiner Aufzeichnungen nach München, und die Antwort des Verlags trifft am Tag des Falls von Bagdad ein. Die Aufzeichnungen gewinnen an Bedeutung, genau in dem Moment, als die Welt einmal mehr beweist, dass sich der Einzelne der großen Geschichte nicht entziehen kann, so sehr er auch nach Unsichtbarkeit streben mag.
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