„Verborgene Bedeutung:
Subtext im Film“ von Linda Seger, Zusammenfassung
„Verborgene Bedeutung: Subtext im Film“ ist ein praktischer Leitfaden für Drehbuchautoren und Romanautoren, der erstmals 2017 erschien. Die zweite Auflage enthält neue Beispiele und richtet sich nun nicht nur an Drehbuchautoren, sondern auch an Belletristikautoren. Das Buch entstand aus Segers Erkenntnis, dass es zum Zeitpunkt der ersten Auflage schlichtweg keine spezialisierte Literatur zum Thema Subtext gab.
Was ist Subtext?
Seger unterscheidet zwischen Text – allem, was Figuren direkt sagen und tun – und Subtext: der Bedeutung, die hinter Worten, Gesten, Pausen und Handlungen verborgen liegt. Direkte, unverblümte Dialoge, in denen Figuren ihre Gedanken und Motive offen äußern, bezeichnet der Autor als leblos: Sie sind nuancenlos und lassen keinen Raum für Spekulationen. Großartige Geschichten funktionieren anders – dem Zuschauer wird mehr vermittelt, als ausgesprochen wird.
Seger verfolgt einen umfassenden Ansatz beim Subtext: Er findet sich nicht nur zwischen den Dialogzeilen, sondern auch in Gesten, Pausen, Abschweifungen, Details der Bühnenbeschreibung, Analogien und visuellen Metaphern und sogar in den Genres selbst. Ein Gefühl der Unsicherheit hilft, ihn zu erkennen: Der Zuschauer spürt, dass etwas nicht stimmt, fragt sich „Warum?“ – und erhält keine unmittelbare Antwort.
Bewusster und unbewusster Subtext
Manche Subtexte werden von den Figuren bewusst erzeugt – etwa um ihr Gesicht zu wahren, Gefühle zu verbergen oder ihre wahren Motive zu verschleiern. Andere entspringen verdrängten Erfahrungen: Kindheitstraumata, unausgesprochene Ängste und unerkannte Wünsche prägen das Verhalten, ohne dass sich die Figur oder mitunter auch der Autor dessen bewusst ist. Beispiele hierfür sind „Sybil“, „Die drei Gesichter der Eva“, „Eine ganz normale Familie“, „A Beautiful Mind“ und „Durchgeknallt“ – allesamt Werke, die zeigen, wie das Unterbewusstsein allmählich an die Oberfläche dringt.
Techniken zur Erzeugung von Subtext
Die Hintergrundgeschichte einer Figur ist eines der wichtigsten Gestaltungsmittel. Die Biografie des Protagonisten, seine Ausbildung, seine finanzielle Situation, seine religiöse Haltung, familiäre Konflikte – all das schafft Ebenen, die nicht unbedingt explizit genannt werden müssen. Wenn der Sohn eines Ranchers beiläufig bemerkt: „Mein Vater war Banker“, wirft das eine ganze Reihe von Fragen nach Wahlmöglichkeiten, Trennung und Flucht auf – ganz ohne Erklärung im Text.
Die Charakterbeschreibung im Drehbuch birgt auch Subtext. James Dearden beschreibt Alex aus „Eine verhängnisvolle Affäre“ als „mindestens dreißig, aber sie kleidet sich völlig viel jünger, als sie ist“. Diese Bemerkung verdeutlicht die innere Verzweiflung der Heldin – den Wunsch zu lieben, ein Kind zu bekommen, den Augenblick zu ergreifen – , die all ihr Handeln antreibt. Glenn Close wurde für ihre Darstellung dieser vielschichtigen Figur für einen Oscar nominiert.
Pausen, Ausflüchte und Themenwechsel – auch das sind Stilmittel. In „Ordinary People“ verdeutlicht das Gespräch zwischen Beth und Conrad über kaltes Wetter und Golf die Kluft zwischen Mutter und Sohn, ohne dass Trauer oder Schuldgefühle auch nur einmal direkt erwähnt werden.
Der Subtext ist kulturell und situationsbedingt.
Ein eigenes Kapitel widmet sich der Tatsache, dass Subtext nicht universell ist: In verschiedenen Kulturen haben dieselben Gesten, dasselbe Schweigen oder dieselben Geschenke grundlegend unterschiedliche Bedeutungen. In der japanischen Geschäftskorrespondenz kann eine fehlende Antwort eine höfliche Absage sein. Auf den Philippinen dient das laute Bewundern fremden Besitzes dazu, den Besitzer unter Druck zu setzen, ihn herauszugeben. In Hollywood ist die Formulierung „Wir schicken den Scheck“ fast nie ein wörtliches Versprechen. Einer von Segers Klienten nahm sie wörtlich, geriet in Zahlungsverzug und überfiel schließlich eine Bank, um den benötigten Betrag zu fordern. Er wurde gefasst und verbrachte ein Jahr im Gefängnis.
Analogien und visueller Subtext
In „The Big Short“ wird die gesamte Dynamik der Hypothekenkrise anhand einer Reihe von Analogien veranschaulicht: CDOs werden mit einem in Kerosin getränkten Lappen verglichen, synthetische CDOs mit einer Atombombe. Die Figuren strampeln auf Heimtrainern – eine Fahrt ins Nichts; eine Mitarbeiterin einer Ratingagentur trägt nach einem Besuch beim Optiker eine Brille mit Pupillenerweiterung – sie kann nichts mehr sehen. Die Libellenbrosche an Katies Revers während der Bekanntgabe des Börsencrashs hat mehrere symbolische Bedeutungen: Oberflächlichkeit, die Fähigkeit zur Veränderung und die Kürze des Lebenszyklus.
„Double Indemnity“ verwendet Subtext aus Notwendigkeit: Der Produktionskodex von Hollywood erlaubte keine offene Darstellung von Tabuthemen, und die Filmemacher konstruierten die Bedeutung ausschließlich durch Andeutungen.
„Ordentliche Leute“ als Modellanalyse
Segers detaillierteste Analyse befasst sich mit Robert Redfords „Eine ganz normale Familie“, basierend auf einem Drehbuch von Alvin Sargent. Die Familie Jarrett hat den Tod ihres ältesten Sohnes Buck und den Selbstmordversuch ihres jüngsten Sohnes Conrad verkraften müssen. Beth, die Mutter, versucht, zur Normalität zurückzukehren – sie faltet ihre Servietten knitterfrei, weigert sich, über die Tragödie zu sprechen, und bietet an, Conrad bei seiner Großmutter zu lassen, während sie und ihr Mann über die Feiertage verreisen. Der Vater, Calvin, ist hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu seinem Sohn und dem Wunsch seiner Frau, so zu tun, als sei alles in Ordnung.
Das unterschwellige Ziel des Films – die Rückkehr zur Normalität – wird von jedem Charakter auf unterschiedliche Weise erreicht. Beth kann ihre eigenen Gefühle nicht anerkennen, Conrad lernt mit Hilfe des Psychiaters Dr. Berger, ohne diese Maske zu leben, und Calvin erkennt schließlich, dass er seine Frau nicht mehr liebt.
Alvin Sargents Ansicht
Das letzte Kapitel des Buches ist eine Reflexion von Alvin Sargent, dem Drehbuchautor von „Ordinary People“, „Paper Moon“, „Julia“ und „Spider-Man 2“. Er verfasste für Seger einen Essay über seine eigenen Erfahrungen mit Subtext. Sargent, den Seger nach Erscheinen der ersten Auflage persönlich kennenlernte, beschreibt Subtext nicht als technisches Stilmittel, sondern als organische Folge eines ehrlichen Blicks auf Menschen.
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