„Auf der Sonnenseite der Straße“ von Dina Rubina, Zusammenfassung
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Dina Rubinas Roman, 2006 vollendet, verknüpft Familiengeschichte, Kriegserinnerungen und das Erwachsenwerden der Künstlerin mit dem Bild von Taschkent, das als prägender Lebensraum für die Figuren und ihre Schicksale dargestellt wird. Die Erzählung entfaltet sich aus der Perspektive der Erzählerin, dem Familiendrama von Katja und Vera sowie einer Reihe von Stadtszenen, in denen sich Privatleben und Geschichte, Armut, Straßenleben und die späte Trennung von der Heimat immer wieder überschneiden.
Die Rückkehr der Mutter
Das Buch beginnt mit der Rückkehr der Mutter: Vera ist inzwischen zwanzig Jahre alt und liest „König Ödipus“, während ihre Mutter nach fünf Jahren Haft wegen versuchten Mordes an ihrem Mann, Onkel Mischa, entlassen wird. Dieses Wiedersehen offenbart sofort die zentrale Spannung des Romans: Zwischen Mutter und Tochter herrscht keine enge Beziehung, doch ein alter Groll, gegenseitiges Misstrauen und die Bereitschaft zu einem neuen Kampf um den beengten Raum ihrer gemeinsamen Wohnung.
Von dieser Szene aus springt die Geschichte in die Vergangenheit und rekonstruiert nach und nach Katjas Leben. Während der Leningrader Blockade kommt fast ihre gesamte Familie ums Leben; nur Katja und ihr Bruder Sascha überleben. Sie werden nach Taschkent evakuiert, wo das abgemagerte Mädchen dem Tode nahe ist. Gerettet wird sie von einer Usbekin namens Chadischa, die die Kinder in ihrem Balchan aufnimmt. Diese Episode prägt Katjas weiteres Schicksal: Sie überlebt, doch die Erfahrung von Hunger, Verwaistheit und Angst macht sie für immer hart, misstrauisch und innerlich verhärtet.
Katya und ihr Weg
Während sie heranwächst, lernt Katja schnell die Gesetze der Straße und die Welt des Mangels kennen. Sie lebt von ihrem Verstand, ihren Kontakten und ihrem Geschick im Feilschen und Täuschen, schließt sich einem Kreis von Spekulanten an und wandelt sich allmählich zu einer Frau, für die Geld, Klugheit und persönlicher Gewinn mehr bedeuten als Zuneigung und Mitgefühl. Doch ihre Vergangenheit bleibt: Hinter ihrer Unhöflichkeit und ihrer räuberischen Energie steckt noch immer das Kind der Leningrader Blockade, das eines Tages erkannte, dass es keine Gnade gab.
Katja bringt Vera zur Welt, doch die Mutterschaft mildert ihr Temperament nicht. Ihre Tochter wächst umgeben von kalten Worten, Wutausbrüchen, Verschweigen und fremden Erwachsenenaktivitäten auf, deren Bedeutung das Kind zunächst nicht versteht. Veras Zuhause war von klein auf geborgen, und so sucht sie Halt außerhalb der Familie – auf den Straßen Taschkents, in zufälligen Begegnungen, im Beobachten der Menschen und später im Zeichnen.
Als Onkel Mischa in Katjas Leben tritt, spürt Vera zum ersten Mal so etwas wie Wärme von einem Erwachsenen. Er behandelt das Mädchen freundlich, erkennt ihre Begabung, versucht, ernsthaft mit ihr zu reden, und unterstützt das, was ihre Mutter früher verachtet oder ignoriert hat. Doch diese fragile familiäre Stabilität zerbricht, als Katja, nachdem sie von seiner Untreue erfahren hat, ihren Mann mit einem Küchenmesser angreift, ihn schwer verletzt und ins Gefängnis kommt. Onkel Mischa bleibt daraufhin verkrüppelt zurück.
Glaube und Malerei
Für Vera wird die Einsamkeit zu einer schwierigen, aber befreienden Erfahrung. Sie gewinnt die Freiheit, ohne den täglichen Druck ihrer Mutter zu leben, schreibt sich an einer Kunsthochschule ein und begreift zunehmend, dass ihre wahre Biografie nicht in den Worten ihrer Familie, sondern in Farben, Linien und visuellen Erinnerungen geschrieben wird. Ihre Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen, beruht auf Präzision: Sie prägt sich Höfe, Märkte, Gesichter, Gesten, Hitze, Staub, das wechselnde Licht an der Wand ein, und aus dieser Erfahrung entwickelt sich allmählich ihre eigene künstlerische Sprache.
Taschkent wird im Roman durch Veras Augen sehr detailliert geschildert. Der Leser begegnet exzentrischen Straßenkünstlern, Schulchören, einem verrückten Dirigenten, Hipstern, Straßenhändlern, Nachbarn, alten Männern, Marktarbeitern, seltsamen Stadtlegenden und Ängsten aus der Kindheit. Diese ganze menschliche Dynamik verdichtet sich zu einem dichten Gewebe der Erinnerung, aus dem Vera später ihre Gemälde malt. Ihr erster Erfolg ist mit dem Gemälde „Tanzen im ODO“ verbunden, nach dem deutlich wird, dass sie keine zufällig talentierte Schülerin ist, sondern eine wahre Künstlerin mit einer unverwechselbaren Vision.
Menschen, die den Wert ihres Talents erkennen, spielen eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Besonders hervorzuheben ist Lenya, eine enge Freundin, die Vera nicht als nervöses und zurückgezogenes Mädchen sieht, sondern als eine Person von außergewöhnlicher Stärke und innerer Stärke. Durch diese Beziehungen zeigt der Roman, wie Vera langsam und mit großem inneren Widerstand reift und lernt, der Welt nur so weit zu vertrauen, wie sie ihre Freiheit nicht einschränkt oder spirituelle Unterwerfung verlangt.
Liebe und Verlust
Später tritt Stasik, einer ihrer engsten Vertrauten, in ihr Leben. Ihre Beziehung ist geprägt von Liebe, tiefer Abhängigkeit, gemeinsamer Armut, dem festen Zusammenhalt und einem ständigen Gefühl der Zerbrechlichkeit, als sei das Glück von Anfang an nur geliehen und könne jeden Moment wieder genommen werden. Nach Stasiks Tod durchlebt Vera eine der dunkelsten Phasen ihres Lebens, doch selbst diese Trauer bricht sie nicht, sondern lenkt sie in die Malerei, wo alles Persönliche in Bild, Farbe und Erinnerung verwandelt wird.
Inzwischen wird immer deutlicher, dass Vera anderen Wertvorstellungen folgt als ihre Mutter. Katya weiß, wie man sich Dinge aneignet, sie anpasst und festhält; Vera hingegen weiß, wie man beobachtet, erinnert und erschafft. Ihre Verwandtschaft ist biologisch und alltäglich, doch innerlich sind sie einander fremd. Der Roman zeigt immer wieder, wie die Kluft zwischen ihnen Jahr für Jahr wächst – eine Kluft, die sich weder durch Mitleid noch durch späte Worte überbrücken lässt.
Das Finale
Katjas Rückkehr aus dem Gefängnis führt nicht zur Versöhnung. Sie tritt als eine Person aus der Vergangenheit in das Leben ihrer Tochter – immer noch mächtig, immer noch gefährlich, aber nicht mehr so dominant wie früher. Vera ist inzwischen zu einer gereiften Künstlerin und eigenständigen Persönlichkeit geworden, und so bestimmt die Anwesenheit ihrer Mutter nicht mehr ihren Weg, auch wenn sie den alten Schmerz nicht auslöschen kann.
Gegen Ende gewinnt das Thema der Zerstreuung immer mehr an Bedeutung: Jahre vergehen, Menschen ziehen weg, Taschkent bleibt zurück, und seine Erinnerung wird in andere Städte und Länder getragen. Im letzten Teil des Romans wird besonders deutlich, dass diese Stadt für Vera und die Erzählerin selbst für immer ein Ort der Erlösung, der Jugend, der Scham, der Armut, der Liebe, der ersten Begegnung und des unwiderruflichen Lebens bleiben wird, aus dem alles Folgende entsprang. Daher endet die Geschichte von Katja und Vera nicht mit Versöhnung, sondern mit der Bewahrung der Erinnerung: Das eine Schicksal erwuchs aus Hunger und Bitterkeit, das andere aus derselben Wunde, die sich in Kunst verwandelte.
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