Internationales Kunstenglisch:
Der Sprachcode des globalen Marktes
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Der Besuch einer internationalen Biennale oder das Lesen einer Pressemitteilung einer großen Galerie hinterlässt bei Laien oft ein Gefühl der Orientierungslosigkeit. Der Text ist auf Englisch verfasst, die Wörter wirken vertraut, doch der tiefere Sinn erschließt sich nicht und zerfällt in abstrakte Konzepte. Dies liegt nicht an einem unzureichenden Wortschatz. Vielmehr stoßen die Leser auf ein soziolinguistisches Phänomen, das Forscher als Internationales Kunstenglisch (IAE) bezeichnen. Die Beherrschung dieses spezifischen Dialekts ist mittlerweile Voraussetzung für die Integration in die professionelle Gemeinschaft von Kuratoren, Kritikern und Galeristen.
Die Sprache der Kunst dient der Unterscheidung zwischen „Freund“ und „Feind“. Sie signalisiert die Zugehörigkeit des Sprechers zur Elite der Kulturbranche. Einfaches, umgangssprachliches Englisch, wie es in Standardkursen gelehrt wird, erweist sich hier oft als unbrauchbar. Der Satz „Ich mag dieses Gemälde, weil es schön ist“ klingt im Kontext einer Fachdiskussion unverzeihlich naiv. Man erwartet stattdessen eine Formulierung, die beschreibt, wie das Werk „die Grenzen des Visuellen auslotet“ oder „den Begriff der Körperlichkeit problematisiert“.
Die Globalisierung des Kunstmarktes hat zur Standardisierung dieser Sprache geführt. Unabhängig davon, ob sich eine Galerie in Berlin, Hongkong oder Mexiko-Stadt befindet, werden die Begleittexte mit denselben Begriffen und grammatikalischen Strukturen verfasst. Dieser einheitliche Code ermöglicht es dem Markt, über nationale Grenzen hinweg zu funktionieren und schafft eine einheitliche Informationsgrundlage für Sammler und Institutionen.
Die Beherrschung dieses Dialekts erfordert jedoch einen speziellen Ansatz. Gängige Grammatikbücher vernachlässigen die Besonderheiten kunstkritischer Texte. Hier setzt eine spezialisierte Online-Englischschule an, deren Lehrplan auf die Bedürfnisse kreativer Berufstätiger zugeschnitten ist. Das Fernlernformat ermöglicht es den Studierenden, mit authentischen Materialien – Sotheby’s-Katalogen, Artforum-Artikeln oder Videoessays von Biennalen – zu arbeiten und deren sprachliche Struktur zu analysieren.
Studierende, die eine Sprache für die Arbeit im Kunstbereich erlernen, sollten die Ursprünge des Internationalen Amerikanischen Englisch (IAE) verstehen. Seine Wurzeln liegen in den Übersetzungen französischer poststrukturalistischer Texte der 1970er Jahre. Die Werke von Michel Foucault, Gilles Deleuze und Jacques Derrida wurden ins Englische übersetzt, wobei ihre charakteristische französische Syntax erhalten blieb. Dies führte zu einer Vorliebe für komplexe Sätze, zahlreiche Substantive und Passivkonstruktionen, die schließlich zum Standard in der Kunstkritik wurden.
Grammatik des Galerieraums
Eines der markantesten Merkmale des IAE ist sein besonderer Gebrauch von Suffixen und Präfixen. Substantive werden oft durch Anhängen des Suffixes „-ität“ an Adjektive gebildet, wodurch abstrakte Begriffe entstehen: „Räumlichkeit“, „Visualität“, „Materialität“. Diese Wörter verleihen dem Text Gewicht und philosophische Tiefe und verwandeln die Beschreibung eines physischen Objekts in eine Diskussion metaphysischer Kategorien.
Auch die Verben in diesem Dialekt verhalten sich ungewöhnlich. Einfache Handlungen werden durch komplexe Konstruktionen ersetzt. Der Künstler „macht“ oder „malt“ nicht einfach. Er oder sie „untersucht“, „befragt“, „hinterfragt“ oder „kontextualisiert“. Diese Verben verleihen dem Werk eine aktive Haltung und machen es zu einem Gegenstand intellektuellen Handelns.
Die häufige Verwendung der Präposition „Post-“ signalisiert zeitliche und konzeptionelle Kontinuität. Begriffe wie „Post-Internet-Kunst“, „Posthumanismus“ oder „postkolonial“ setzen ein klares Verständnis des historischen Kontextes voraus. Der falsche Gebrauch dieser Präfixe kann die Bedeutung einer Aussage verfälschen und die Inkompetenz des Autors offenbaren.
Ein weiteres Kennzeichen eines professionellen Textes ist die Vermeidung direkter Werturteile. Die IAE verwendet die Begriffe „gut“, „schlecht“ oder „Meisterwerk“ selten in ihrer wörtlichen Bedeutung. Die Qualität eines Werkes wird nicht durch emotionale Zusätze, sondern durch die Komplexität seiner theoretischen Grundlagen belegt. Der Text sollte erläutern, warum das Werk relevant ist, und nicht nur, weil es ästhetisch ansprechend ist.
Terminologie des Kunstmarktes und Auktionshauses
Während die Sprache der Kritik eher philosophisch geprägt ist, erfordert die Sprache des Verkaufs juristische Präzision. In der Auktionswelt hat jedes Wort eine finanzielle Bedeutung. Ein Zustandsbericht ist das Dokument, auf dem Kaufentscheidungen in Millionenhöhe basieren. Ungefähre Beschreibungen sind nicht ausreichend.
Ein Fachmann muss den Unterschied zwischen „Craquelé“ (Risse in der Farbschicht, oft ein Zeichen von Alterung) und „Abblättern“ (Abplatzen der Farbe, das eine Restaurierung erfordert) kennen. Der Begriff „Stockflecken“ beschreibt braune Flecken auf Papier, die durch Oxidation oder Pilzbefall entstehen. Die Kenntnis dieser Begriffe ist unerlässlich für die korrekte Erstellung von Gutachten und die Kommunikation mit Restauratoren. Eine fehlerhafte Beschreibung eines Mangels kann zu Rechtsstreitigkeiten und zur Kündigung des Vertrags führen.
Auch die Zuschreibungspraxis ist durch strenge englischsprachige Fachbegriffe geregelt. Der Auktionskatalog verdeutlicht die verschiedenen Stufen der Expertenzuversicht. Die Formulierung „Von {Künstlername}“ garantiert die Echtheit. „Zugeschrieben an“ deutet auf eine hohe Wahrscheinlichkeit der Urheberschaft hin, lässt aber einen gewissen Zweifel offen. „Werkstatt von“ kennzeichnet die Arbeit einer Werkstatt unter der Leitung des Künstlers, und „Umkreis von“ ordnet das Werk der Schaffenszeit und dem Einflussbereich des Künstlers zu, jedoch nicht dessen Handschrift.
Das Verständnis dieser Nuancen ist für Händler und Sammler unerlässlich. Englischkenntnisse in diesem Bereich erfordern zwangsläufig auch eine Analyse der rechtlichen Implikationen jedes einzelnen Begriffs. Es handelt sich um eine Sprache der Verantwortung, in der Synonyme nicht austauschbar sind.
Künstlerstatement: ein Genre der Selbstdarstellung
Für den Künstler selbst wird das Künstlerstatement zum wichtigsten Text. Es ist eine kurze Beschreibung seiner kreativen Methode und Philosophie und ergänzt sein Portfolio. Das Verfassen eines Statements gestaltet sich oft schwierig, da es die Übersetzung visueller Eindrücke in Worte erfordert.
Ein häufiger Fehler von angehenden Autoren ist der übermäßige Gebrauch von Klischees des amerikanischen Englisch, ohne deren Bedeutung zu verstehen. Phrasen wie „Meine Arbeit erforscht die menschliche Existenz“ sind so abgedroschen, dass sie Kuratoren nur noch irritieren. Ein qualitativ hochwertiges Sprachtraining hilft, ein Gleichgewicht zwischen professionellem Vokabular und Authentizität zu finden.
Eine gute Aussage beantwortet die Fragen „Wie?“ und „Warum?“, ohne eine Biografie nachzuerzählen. Sie sollte konkret sein. Statt des abstrakten „Ich verwende verschiedene Materialien“ ist es besser zu schreiben: „Ich kombiniere Industriesilikon mit organischen Stoffen.“ Die präzise Wahl von Verben und Substantiven ermöglicht es dem Betrachter, das Werk durch den Text hindurch zu „sehen“.
Anträge auf Fördermittel und Projektbeschreibungen für Residenzprogramme (offene Ausschreibungen) bilden eine separate Ebene schriftlicher Arbeit. Hier erfüllt Englisch eine pragmatische Funktion. Der Antrag muss überzeugend, logisch und strukturiert sein. Die Auswahlkommissionen lesen Hunderte von Texten, und die Fähigkeit, die Projektidee klar auf Englisch zu formulieren, wird so zu einem Wettbewerbsvorteil.
Es ist wichtig, nicht nur das Konzept, sondern auch Budget, technische Anforderungen und Logistik beschreiben zu können. Die Terminologie verschiebt sich hier in Richtung Projektmanagement: „Machbarkeit“, „Ergebnisse“, „Öffentlichkeitsarbeit“. Der Künstler agiert als Manager seiner eigenen Produktion, und die Sprache muss diese Rolle widerspiegeln.
Ekphrasis im digitalen Zeitalter
Mit der Verlagerung des Kunsthandels ins Internet hat die Bedeutung der Ekphrasis – der verbalen Beschreibung von Bildern – zugenommen. Wenn Sammler ein Werk nur auf dem Bildschirm eines Smartphones im Online-Viewing-Room sehen, übernimmt der Text die Funktion, taktile und räumliche Empfindungen zu vermitteln.
Bei der Beschreibung einer Skulptur oder Installation ist es wichtig, Größe, Gewicht und die Interaktion mit dem Raum zu vermitteln. Die Worte müssen die Fantasie des Betrachters anregen. Adjektive, die die Textur beschreiben – „viskos“, „körnig“, „durchscheinend“ – werden zu Verkaufsargumenten.
Die Fähigkeit, solche Texte zu verfassen, ist in den Social-Media-Abteilungen von Museen und Galerien gefragt. Soziale Medien verlangen nach prägnanten, aber aussagekräftigen Inhalten. Eine Bildunterschrift für einen Instagram-Post (in Russland verboten; im Besitz von Meta, einem in Russland als extremistisch geltenden Konzern) ist ein eigenes Mikrogenre kunstkritischer Texte. Sie muss Aufmerksamkeit erregen, Kontext liefern und zum Handeln anregen – und das alles in einwandfreiem Englisch.
Kulturelle Übersetzung und die falschen Freunde des Übersetzers
Beim Erlernen von Englisch für die Kunst stoßen russischsprachige Fachleute auf das Problem der „falschen Freunde“. Viele Begriffe klingen ähnlich, haben aber unterschiedliche Bedeutungen. Das Wort „Decoration“ hat im englischen Kontext der zeitgenössischen Kunst oft eine negative Konnotation (Verzierung, Oberflächlichkeit), während „Decorativeness“ im Russischen eine neutrale Stilbeschreibung sein kann.
Der Begriff „Plastizität“ bezieht sich in Kunsttexten oft auf Piet Mondrian und sein Konzept des Neoplastizismus, anstatt lediglich auf eine physikalische Eigenschaft eines Materials. Das Wort „Aktion“ kann sich nicht einfach auf eine Handlung an sich beziehen, sondern auch auf eine spezifische Form der Performancekunst (Aktionismus). Die Unkenntnis dieser Bedeutungsnuancen führt zu semantischer Verwirrung.
Besonderes Augenmerk wird auf die Bezeichnungen von Materialien und Techniken gelegt. „Öl auf Leinwand“ ist der Standard, doch zeitgenössische Künstler verwenden komplexe Kompositionen. Wie lautet die korrekte englische Bezeichnung für die Technik „Kaltnadelradierung“? Es heißt „Kaltnadelradierung“. Und „Radierung“? Es heißt „Radierung“. Der Unterschied zwischen „Gravur“ und „Holzschnitt“ ist für die Grafik von entscheidender Bedeutung. Fehler in diesen Begriffen sind auf Museumstexten inakzeptabel.
Lesen als professionelle Fähigkeit
Ein Eintauchen in die Sprache ist ohne regelmäßige Lektüre von Fachzeitschriften unmöglich. Magazine wie Frieze, ArtReview oder e-flux prägen die aktuelle Thematik. Die Sprache dieser Publikationen ist komplex, reich an Anspielungen und Zitaten. Die Lektüre solcher Literatur ist eine intellektuelle Herausforderung.
Die Analyse von Artikeln ermöglicht es uns, die Entstehung neuer Begriffe nachzuvollziehen. Die Sprache der Kunst ist im Fluss. Was vor zehn Jahren relevant war, mag heute archaisch klingen. So war beispielsweise der von Nicolas Bourriaud geprägte Begriff der „relationalen Ästhetik“ in den 1990er- und 2000er-Jahren dominant, wird heute aber seltener und nur noch in spezifischen Kontexten verwendet.
Ein Spezialist muss diese Veränderungen aufmerksam wahrnehmen. Das Erlernen einer Sprache durch das Lesen relevanter Kritik hilft, den eigenen Wortschatz dem aktuellen Stand anzupassen. Dadurch versteht man nicht nur, was Kollegen in London oder New York sagen, sondern kann sich auch gleichberechtigt an diesen Diskussionen beteiligen.
Auch die Entwicklung von Hörfähigkeiten birgt ihre Herausforderungen. Kuratorenvorträge, Podcasts und Künstlergespräche finden oft in Räumen mit schlechter Akustik statt oder werden mit Hall aufgenommen. Da die Kunstwelt international ist, sprechen die Sprecher mitunter mit unterschiedlichen Akzenten. Die Fähigkeit, „globales Englisch“ mit einem Hauch von französischer, deutscher oder chinesischer Aussprache zu verstehen, ist daher unerlässlich für den Besuch internationaler Messen und Konferenzen.
Letztendlich ist Englisch in der Kunst ein Navigationsinstrument. Es ermöglicht Künstlern, über die lokale Szene hinauszugehen, Kuratoren, an internationalen Projekten zu arbeiten, und Galeristen, weltweit Kunden zu gewinnen. Es ist eine Investition in berufliche Freiheit und die Chance, im globalen Chor der kulturellen Stimmen Gehör zu finden. Die Spezifik dieser Sprache erfordert Respekt und ein ernsthaftes Studium, das weit über die alltägliche Kommunikation hinausgeht.
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