Neolithisches Türkiye:
Göbekli Tepe und der mystische Osten (Sanliurfa und Mardin)
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Südostanatolien gehört geografisch zu Nordmesopotamien. Dieses Gebiet zwischen Tigris und Euphrat, bekannt als Fruchtbarer Halbmond, galt lange als Randgebiet klassischer Touristenrouten. Die Landschaft reicht von trockenen Hochebenen bis hin zu vulkanischen Massiven. Das Klima ist ausgeprägt kontinental mit heißen, trockenen Sommern und kühlen Wintern. Hier haben Archäologen Funde gemacht, die unser Verständnis der Entwicklung der menschlichen Zivilisation grundlegend verändern.
Steinhügel Obermesopotamiens
Göbekli Tepe ist zu einem Brennpunkt wissenschaftlichen Interesses geworden. Die Anlage liegt auf einem Bergkamm, 15 Kilometer von der Stadt Şanlıurfa entfernt. Ausgrabungen, die der deutsche Archäologe Klaus Schmidt in den 1990er Jahren begann, legten monumentale Kreisstrukturen frei. Radiokohlenstoffdatierungen datieren die ältesten Schichten in die präkeramische Jungsteinzeit A, etwa 9600–7300 v. Chr. Damit ist die Anlage mehrere Jahrtausende älter als Stonehenge und die ägyptischen Pyramiden.
Der Massentourismus vernachlässigt diese Region aufgrund ihrer Abgeschiedenheit vom Meer oft. Reisende sind an die Werbung für Last-Minute-Angebote in die Türkei gewöhnt, die einen Urlaub an der Küste von Antalya in der Nebensaison für 99 Euro versprechen. Der historische Wert der östlichen Provinzen ist jedoch mit einem solchen Pauschalurlaub nicht vergleichbar. Ein Besuch in Göbekli Tepe erfordert sorgfältige Planung und ein Interesse an Geschichte, nicht an Strandurlaub.
Nullpunktarchitektur
Göbekli Tepe besteht aus T-förmigen Kalksteinsäulen. Die Monolithen sind zwischen drei und sechs Meter hoch. Einzelne Blöcke wiegen bis zu 20 Tonnen. Die Säulen sind kreisförmig angeordnet und bilden Mauern, wobei zwei der größten Säulen im Zentrum stehen. Die Steinoberfläche wurde mit großer Präzision bearbeitet, da den Erbauern damals keine Metallwerkzeuge zur Verfügung standen. Für die Arbeiten wurden Feuerstein- und Obsidianwerkzeuge verwendet.
Tierreliefs sind in die Seitenflächen der Säulen eingemeißelt. Archäologen haben Abbildungen von Füchsen, Löwen, Stieren, Skorpionen, Schlangen und Wildschweinen identifiziert. Es handelt sich dabei nicht nur um Dekoration, sondern um ein komplexes Symbolsystem. Einige Forscher sehen darin totemistische Clan-Symbole, während andere einen astronomischen Bezug vermuten. Das Fehlen von Spuren dauerhafter Besiedlung in der Nähe der Tempel deutet auf den rituellen Zweck des Komplexes hin. Jäger und Sammler aus verschiedenen Regionen kamen hierher, um Zeremonien abzuhalten.
Vor der Entdeckung von Göbekli Tepe ging man davon aus, dass monumentale Architektur erst mit dem Aufkommen von Ackerbau und Sesshaftigkeit entstand. Schmidts Erkenntnisse widerlegten diese Theorie. Soziale Organisation und Religion könnten der Agrarrevolution vorausgegangen sein. Der Bedarf an Nahrung für die Tempelbauer könnte die Domestizierung von Wildweizen motiviert haben, der in den nahegelegenen Karaca-Bergen wuchs.
Şanlıurfa und das Erbe der Antike
Şanlıurfa, kurz Urfa, dient als Ausgangspunkt für die Erkundung der Region. Die Stadtentwicklung ist eng mit der Geschichte der Stadt verbunden. Das moderne Archäologische Museum von Urfa bewahrt Originalfunde aus Göbekli Tepe und der benachbarten Siedlung Karahan Tepe. Zu den Ausstellungsstücken gehört die Statue des „Urfa-Menschen“, die als älteste lebensgroße menschliche Skulptur gilt. Ihr Alter wird auf 11.000 Jahre geschätzt.
Das Zentrum der Altstadt bildet der Balıklıgöl-Komplex. Der Legende nach ist dieser Ort mit dem Propheten Abraham verbunden. Der architektonische Komplex umfasst die Halil-yur-Rahman-Moschee und einen Teich mit heiligen Karpfen. Das Wasser stammt aus Karstquellen. Die Fische dürfen nicht gefüttert werden, da sie als heilig gelten. In der Nähe befindet sich eine Höhle, in der der Legende nach der Prophet geboren wurde.
Die Märkte von Urfa haben ihren mittelalterlichen Aufbau bewahrt. Die überdachten Basare sind in verschiedene Bereiche unterteilt: Kupferschmiede, Gerber und Gewürzhändler. Sie verkaufen Izoscht, eine besondere Art fermentierten schwarzen Pfeffers, der ein Grundnahrungsmittel der lokalen Küche ist. Der Handel findet in historischen Khans (Karawansereien) aus der osmanischen Zeit statt. Die Innenhöfe mit ihren Brunnen sorgten im Sommer für natürliche Kühlung.
Mardin: Die Stadt des gelben Steins
Mardin liegt 180 Kilometer östlich von Urfa. Die Stadt schmiegt sich an einen Berghang und überblickt die mesopotamische Ebene. Mardins charakteristisches Merkmal ist seine Terrassenarchitektur. Die Häuser aus gelbem Kalkstein sind terrassenförmig angeordnet, sodass kein Schatten auf ein anderes fällt. Dieser Stein wird in der Region abgebaut. Er lässt sich leicht bearbeiten, oxidiert jedoch an der Luft und unter Sonneneinstrahlung, härtet aus und nimmt eine ockerfarbene Färbung an.
Die Straßen der Altstadt von Mardin bestehen aus engen Gassen und Treppen (Abbars). Der Autoverkehr ist verboten. Esel sind nach wie vor das wichtigste Transportmittel für Waren und Müll. Die Stadtplanung ist durch den Schutz vor Sonne und Wind bedingt. Dicke Mauern und hohe Decken sorgen dafür, dass die Innenräume auch bei Außentemperaturen von über 40 Grad Celsius kühl bleiben.
Die Stadt wird von einer Festung, dem sogenannten „Adlerhorst“, dominiert. Dank ihrer strategischen Lage kontrollierte sie die Handelsrouten von Norden nach Süden. Die Architektur zeugt vom Einfluss der Artuqiden-Dynastie, die hier vom 12. bis zum 15. Jahrhundert herrschte. Die Ulu-Jami-Moschee mit ihrer Rippenkuppel und ihrem Minarett ist ein typisches Beispiel dieses Stils. Die Steinschnitzereien an den Fassaden der Medressen (Koranschulen) belegen das hohe Können mittelalterlicher Handwerker.
Syrisches Erbe und Klöster
Die Region um Mardin war historisch von Assyrern (Syryani) besiedelt. Diese christliche Gemeinde verwendet im Gottesdienst einen aramäischen Dialekt. Fünf Kilometer von der Stadt entfernt liegt das Kloster Deyrulzafaran (Safrankloster). Es war 640 Jahre lang Sitz des syrisch-orthodoxen Patriarchen.
Die Fundamente des Klosters ruhen auf den Überresten eines Sonnentempels. Im Kellergeschoss ist ein ohne Mörtel errichtetes Steingewölbe erhalten geblieben. Die Steine werden durch ihr Eigengewicht und die präzise Ausrichtung ihrer Kanten zusammengehalten. Die oberen Stockwerke wurden in verschiedenen Epochen hinzugefügt und bilden so einen komplexen architektonischen Komplex. Das Kloster ist aktiv; Mönche leben hier, und es finden Gottesdienste statt.
Ein weiteres bedeutendes Zentrum ist das Kloster Mor Gabriel im Kreis Midyat. Es wurde 397 gegründet und gilt als eines der ältesten noch aktiven christlichen Klöster der Welt. Die Anlage ist von Mauern umgeben und ähnelt einer Festung. Im Inneren befinden sich Mosaiken aus byzantinischer Zeit. Midyat ist außerdem für seine Telkari-Meister bekannt, die eine filigrane Technik mit Silberdraht beherrschen. Lokale Juweliere fertigen Schmuckstücke aus feinsten Metallfäden, die sie zu kunstvollen Mustern verweben.
Gastronomie und der landwirtschaftliche Kontext
Die Wirtschaft der Region basiert auf der Landwirtschaft. In den Ebenen von Harran und Mardin werden Weizen, Linsen und Baumwolle angebaut. Pistazien sind eine wichtige Kulturpflanze. Die Bäume gedeihen gut auf trockenen Böden. Lokale Sorten unterscheiden sich von denen aus Antep durch einen höheren Ölgehalt und ein intensiveres Aroma. Die Ernte erfolgt im Spätsommer und Frühherbst.
Die südostanatolische Küche zeichnet sich durch eine Fülle an Fleischgerichten und Gewürzen aus. Lahmacun (ein dünnes Fladenbrot mit Hackfleischfüllung) wird hier, anders als in westlichen Varianten, mit Knoblauch und Zwiebeln zubereitet. Kaburga Dolması, ein beliebtes Gericht in Mardin, besteht aus mit Reis, Mandeln und Gewürzen gefüllten Lammrippchen. Die Zubereitung dauert mehrere Stunden, da das Fleisch im Ofen schmoren muss, bis es vollständig zart ist.
Mengich-Kaffee nimmt eine besondere Stellung ein. Er wird nicht aus Kaffeebohnen, sondern aus den Früchten des wilden Pistazienbaums (Terebinthe) zubereitet. Das Getränk hat eine ölige Konsistenz und ist koffeinfrei. Traditionell wird es in Kupferbechern serviert. Handgefertigtes Kupfer ist ein weiteres wichtiges Kunsthandwerk der Region.
Logistik und Saisonalität
Bei einem Besuch der Region sollte das Klima beachtet werden. Die Sommer sind extrem heiß, mit Temperaturen, die oft 45 Grad Celsius übersteigen. Die beste Reisezeit für Expeditionen ist Frühling (April – Mai) und Herbst (September – Oktober). In diesen Zeiträumen liegen die Temperaturen im angenehmen Bereich von 20–25 Grad Celsius. Im Winter sind Frost und Schneefall möglich, insbesondere in den Bergregionen von Mardin.
Die Flughäfen Şanlıurfa (GNY) und Mardin (MQM) werden regelmäßig von Istanbul und Ankara angeflogen. Busse verbinden die Städte. Die Fahrt von Urfa nach Mardin dauert mit dem Auto 2,5 bis 3 Stunden. Die Straßen sind in gutem Zustand. Für Ausflüge zu abgelegenen Orten wie Dara (einer alten byzantinischen Garnisonsstadt) oder Karahan-Töpe empfiehlt sich ein Mietwagen.
Die Infrastruktur der Region entwickelt sich rasant. In Mardin wurden viele historische Herrenhäuser in Boutique-Hotels umgewandelt, sodass Touristen in authentischen Steingewölben übernachten können. In Urfa stehen moderne Hotels internationalen Standards zur Verfügung. Planen Sie für jede Stadt mindestens zwei Tage ein, um die Sehenswürdigkeiten ausgiebig zu erkunden.
In den letzten Jahren wurden die archäologischen Arbeiten ausgeweitet. Das Projekt Tash Tepeler (Steinhügel) umfasst Ausgrabungen an zwölf Stätten, darunter Göbekli Tepe. Wissenschaftler vermuten, dass Hunderte weiterer religiöser Bauwerke unter der Erde verborgen liegen. Jede neue Entdeckung liefert neue Erkenntnisse über den Übergang der Menschheit zur Zivilisation. Die Region bleibt ein unerschlossenes Feld für Historiker und Reisende, die bereit sind, abseits der ausgetretenen Pfade zu wandeln.
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